Anonym in der Schirn Kunsthalle

N. N. Anonym, 2006, © Anonym, Schirn Kunsthalle Frankfurt

N. N. Anonym, 2006, © Anonym, Schirn Kunsthalle Frankfurt

Besprechung

Ein Lichtspot an der Wand zieht die Blicke magisch an. Aber ist das nun schon ein Werk - oder doch nur ein Wegweiser? Möglich wäre beides. Einerseits findet sich gleich ums Eck eine Vitrine, darin ein aufgeschlagener Playboy-Sammelband ? eindeutig ein Exponat! Andererseits ist der Lichtfleck rechteckig, also durchaus bildwürdig. Und hat man nicht Ähnliches gerade erst anderswo gesehen? Nur - wie hiess der Künstler, die Künstlerin doch gleich?

Anonym in der Schirn Kunsthalle

Solche Fragen mögen sich einstellen beim Besuch dieser Schau - zu deren Programm jedoch gehört, dass sie die Antworten weitgehend schuldig bleibt. Eine Ausstellung, die nicht nur «Anonym» heisst, sondern mindestens die Namen derer, die Werke beigesteuert haben, in ähnlichem Dunkel lässt, wie es weite Teile der räumlichen Inszenierung bestimmt. Immerhin: Werke gibt es - und wirklich suchen muss man nicht nach ihnen. Gleich kostbaren Artefakten in historischen oder ethnographischen Sammlungen, werden die meisten Stücke ins Scheinwerferlicht gehoben, in verglasten Vitrinen präsentiert. Und dank eines kleinen Heftchens, in dem sich neben Titeln und Materialangaben auch ein Raumplan befindet, hat man bald sogar jene Arbeiten ausgemacht, die sich nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen geben - etwa jene Töpfe mit Buschgewächsen auf der Aussenterrasse, die man vielleicht leichtfertig übersehen hat. Als «Schule der Wahrnehmung» funktioniert die Schau jedoch nur bedingt: Eine Unschuld des Auges lässt sich allein durch Anonymisierung kaum zurückgewinnen. Institutionalisierte Präsentationen von Kunst verfügen über weit mehr und komplexere Systeme der Bedeutungsgeneration als das der namentlichen Referenz. Warum sonst wurde bei der Pressekonferenz versichert, dass die versammelten Arbeiten ausschliesslich von professionellen KünstlerInnen stammen und eigens für «Anonym» geschaffen wurden? Zweifelhaft auch, ob das Konzept als Geste wider die Effekte des Marktes taugt, wenn doch die Ausstellung in einem Haus gezeigt wird, das selbst eine etablierte Marke ist.

Nicht umsonst liest man in den «Übungen in Anonymität» als Manifest in Ausstellung und Katalog: «Anonymen Ausstellungen wird nachdrücklich empfohlen, innerhalb von Kunstinstitutionen stattzufinden. [...] Anonyme Ausstellungen sind gut abgesichert, und die Künstler werden fair bezahlt.» Ob sie als Ghostwriter, pardon: Ghostartists nun erst recht etwas Ordentliches abliefern müssen? Kaum. Wie in fast jeder Themenschau gibt es Arbeiten, die intelligent und ästhetisch präzis ihre Sache auf den Punkt bringen, ebenso wie solche, an denen man achselzuckend vorübergeht. Zu Ersteren gehört die Seifenblase, die soeben im Geviert des Lichtspots erscheint. Sie hervorzubringen, braucht es weniger einen Namen als Geschick. Auf der Oberfläche ihres perfekten Runds schillert ihr Umfeld in den faszinierendsten Farben. Für einen wunderbaren Moment ganz Glanz, reine Poesie. Was von ihr bleibt? Fast nichts. Ausser einem Bild ? von einer Schau in der Schirn.
Ihren Untertitel hat die «Anonyme Ausstellung» übrigens bei Richard Prince geliehen: «In the Future No One Will be Famous.» Mag sein. Yet some will be more anonymous than others.

Bis 
13.01.2007
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Schirn Kunsthalle Deutschland Frankfurt/M
Autor/innen
Verena Kuni

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