Ins Bild gebannt

Barbara Breitenfellner (*1969 in Kufstein), lebt und arbeitet in Berlin

Barbara Breitenfellner (*1969 in Kufstein), lebt und arbeitet in Berlin

Ohne Titel (Magdeburg), 20,2 x 29,7 cm, Siebdruck auf Buchseite, 2006, Copyright ProLitteris

Ohne Titel (Magdeburg), 20,2 x 29,7 cm, Siebdruck auf Buchseite, 2006, Copyright ProLitteris

Fokus

Wenn alles von Bildern überflutet scheint, ist es Zeit, daran zu erinnern, dass man Bilder leicht vergisst. Bilder gehen vorbei wie Träume und bilden zugleich jenen «Rasen», aus dem unsere Imagination und mit ihr unsere Realität spriessen können. Barbara Breitenfellner kultiviert diese fertilen Gründe.

Ins Bild gebannt

Barbara Breitenfellners unheimliche Räume

Ein Mann sieht sich einen Hang herab Ski fahren, doch dann scheint er auf einem Dach zu laufen, kurz davor, über die Kante zu fallen. Er fällt, doch es bleiben nur schwarze Streifen im Schnee, die in langen Linien in die Tiefe stürzen.

Mit dem iconic turn und den mit diesem Begriff verbundenen Diskussionen wurde die Rede von der Bilderflut zum Kleingeld des Kunstdiskurses. Darf man ihm glauben, reissen die Bilder das Bewusstsein mit sich wie winterliche Lawinen den ahnungslosen Skifahrer. Doch hat es jemals ohne Bilder, jemals «auf dem Trockenen» funktioniert? Die eingangs aus dem Gedächtnis zitierte Traumsequenz aus Alfred Hitchcocks Film «Spellbound» wurde
von Salvador Dalí gestaltet. Cornflakes dienten als Schneeflocken ? was der Realität des surrealen Traums keinen Abbruch tut.

Dass nicht die Realität von Bildern überrollt wird, sondern aus (Traum-)Bildern erst Realität erwächst - eine löchrige, voller Nischen und Winkel -, ist Thema von Barbara Breitenfellners Installationen. Sie zeigt, was auf einem Boden wachsen kann, der dicht an dicht mit Bildern übersät ist. «We should have occupied every place», schrieb sie in ihrer jüngsten Ausstellung in Saint-Etienne an die Wand zwischen Flipperautomaten und machte mit diesem Aufruf zur Omnipräsenz auch deutlich, wie sehr die Einrichtung einer lebenswerten Realität von Abwesenheit, Unverfügbarkeit abhängt.

Für «Film (non-réalisé)» stellte die Wahl-Berlinerin 2003 ein Gewächshaus aus. Darin: ein Filmschneidelabor und eine Zuchtstation für fleischfressende Pflanzen. Man kann in das Haus nur durch eine Öffnung hineinblicken, ist ausgeschlossen von dieser Montage aus essenden Pflanzen und vergessenen Bildern. Breitenfellner selbst sieht in «Film (non-réalisé)» einen Bezug zu Beuys? «Das Schweigen», 1973, einer Arbeit, die aus fünf verzinkten Filmspulen des gleichnamigen Films von Ingmar Bergman besteht.

Die Inszenierung verborgener Bilder bringt die gebürtige Österreicherin in die Nähe ihres Lehrers Douglas Gordon, bei dem sie an der Glasgow School of Art studierte. Wo dieser nach dem «Tod des Kinos» an dessen bildlichen Überresten weiterarbeitet, nimmt sich seine nur drei Jahre jüngere Schülerin deren «Keime» vor. «Don?t blame the messenger», 2004, versammelt das gross gerasterte Bild eines Hauses, eine silberne Affenmaske auf schwarzem Grund, eine Seite aus einem Telefonbuch, ein Foto, auf dem Freud zu sehen ist, der für eine Büste Modell sitzt, sowie andere kleine Objekte und Bilder. Durch die Anordnung im Raum entsteht eine abgründige Stimmung, eine fast existenzielle Präsenz, vergleichbar dem Traum-Erleben.
Spätestens seit Anna Oppermann oder Isa Genzken kennen wir die suggestive, körperliche Kraft diskontinuierlicher und nicht-stringenter Bildräume. Breitenfellner forscht an den Konfigurationen, durch die sie erfahrbar werden. An jener «schönen Logik», so der Titel ihrer letzten Ausstellung im Berliner «Capri», die uns mit ihren Konklusionen einnimmt, indem sie die Prämissen verbirgt.

Breitenfellner will sie im Verborgenen lassen, stellt hermeneutischer Erklärungswut die vieldeutige Existenz des Bildes entgegen. Mit erwähntem Freud-Foto oder einer Tapete aus Tintenklecks-Bildern ironisiert sie eine Psychoanalyse, die Aufklärung verspricht, der es jedoch, wie Michel Foucault in der Einleitung zu Ludwig Binswangers «Traum und Existenz» schrieb, «nicht gelungen ist, die Bilder zum Sprechen zu bringen».
Die Bild-Arrangements von Barbara Breitenfellner sind «Instruments of Attraction», 2005, ziehen den Blick an, um ihn dann auf fortlaufende, vielleicht stürzende Linien zu führen. Solch ästhetische Wegverschiebungen sind auch Thema der französischen Künstlerin Eléonore de Montesquiou, bekannt geworden durch ihre dokumentarähnlichen Videos aus den russischen «Atom Cities», Städten für Nuklear-Experimente. Breitenfellner wurde von ihr in die Pariser Galerie Zürcher zum Dialog eingeladen.

Wo sie zunächst durch Raumbearbeitungen das Potenzial von unheimlichen (T)raumbildern auslotete, gleichsam kultivierte, bearbeitet sie nun im kollektiven Unbewussten verankerte Rhetoriken des Werbebildes, mit einer Serie von Drucken auf in Zeitschriften gefundenen Reklameseiten. In jedem Bild blickt den Einzelnen immer auch das Kollektiv an. Die aus dem Bild erwachsene Realität gibt es nur in Gesellschaft. Am intensivsten zeigte Breitenfellner das bisher in «Ohm», 2004. Museumsvitrinen mit aufgeschlagenen Büchern, teils wissenschaftliche Werke in japanischer Sprache, stehen vor einem wandgrossen, gerasterten Bild eines Publikums, das sich geschlossen umdreht und den Besucher fixiert. Die drückende Gesellschaft erinnert an den Schauer aus der Schlusssequenz von Kubricks «The Shining»: Hauptdarsteller Nicholson erscheint inmitten einer Menschenmasse auf einem Foto, das 100 Jahre vor seinem Aufenthalt im verwunschenen Hotel in den Bergen aufgenommen wurde.

Barbara Breitenfellner zeigt, wie Bilder sich einrichten, wie deren Konfiguration zu Stimmungen führt, aus denen wir immer neu Rückschlüsse ziehen wollen auf einen Sinn, der unser Bewusstsein leitet. Doch es sind nur Bilder, denen wir bei diesen Konklusionen begegnen. Suggestive Bilder, die sich an uns binden wie ein Fluch - solange, bis andere, passende Bilder kommen, ihn aufzuheben.

«Ich zapfe unterschiedliche Bildquellen an, sammle aus Fotografie, aus Malerei und Bildern des Alltags und rekontextualisiere dann diese Fundstücke. Die eigenartig stringenten Bildräume, die dabei entstehen, drängen sich mir geradezu auf, überrumpeln mich fast. Es ist, als ob sie jemand anders gemacht hätte. Das sind meine besten Arbeiten. Ich glaube nicht an eine Erklärbarkeit, ich möchte die Dinge nebeneinander stellen und sagen: so ist es.» (BB)

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