Kunstraum in der Kiesler Stiftung

Friedrich Kiesler · Blood Flames, 1947, Innenansicht der Ausstellung, 1947, Foto: unbekannt, © Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Friedrich Kiesler · Blood Flames, 1947, Innenansicht der Ausstellung, 1947, Foto: unbekannt, © Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Besprechung

«Correalismus» nannte Friedrich Kiesler seine Vorstellung einer ganz anderen Raumgestaltung. Berühmtestes Beispiel dafür ist sein «Endless House», das der 1965 gestorbene Künstler, Architekt und Bühnenbildner allerdings nie bauen konnte. Bisher weniger berühmt sind seine Ausstellungsgestaltungen, die jetzt erstmals anhand von Skizzen und Fotografien in der Friedrich Kiesler Stiftung in Wien zu sehen sind

Kunstraum in der Kiesler Stiftung

Ganz entgegen dem Diktum der Moderne forderte Kiesler nicht «form follows function», sondern «Funktion folgt der Vision und Vision folgt der Realität». Realität allerdings nahm er nicht als gegebene Grösse an, sondern als Element im psychologisch-physischen Spannungsspiel zwischen Mensch und Umwelt. So konnte sich Kiesler überhaupt nicht mit Normen und Standards abfinden und erfand neue Parameter für die Gestaltung von Architektur und Ausstellungen. Statt Rasterbau forderte er «Wachstumsbau», statt Geometrie biomorphe Blasengebilde. Sein Einfamilienhaus «Endless House» sollte so ein blasenförmiges Gebilde werden, mit unterschiedlichen Raumhöhen und Lichtquellen. Ähnlich radikal sind auch seine Ausstellungsgestaltungen: Er nahm die Bilder aus den Rahmen und lehnte sie an die Wand, gestaltete Sockel wie Sofas und plädierte für permanente Veränderungen. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich die Eröffnungsausstellung «Art of this century» in Peggy Guggenheims «Surrealist Gallery» 1942. Der Raum ist geprägt von einer wellenförmigen Struktur, konkave Wände und konvexe Spiegel nivellieren Anfang und Ende und zwischen den Bildern stehen diese Elemente, die mal als Sitz, mal als Sockel oder als Tisch verwendet werden.

Während Ausstellungen wie diese mit Fotografien dokumentiert sind, existieren von seinen Ideen wie die «Raumblüte» oder von seinen Metamorphosen-Vorstellungen nur Zeichnungen und Skizzen. In schützenden Rahmen können diese Weltentwürfe jetzt in der Wiener Ausstellung «durchgeblättert» werden: Auf Augenhöhe hintereinander gereiht, kann man die Rahmen auf Schienen verschieben und so nach und nach die enorm sinnlichen Details der Entwürfe entdecken. Anders als Kieslers Gestaltungen kommt diese Ausstellung allerdings nicht ohne Erklärungen aus, etwa des zentralen Begriffs «Correalismus»: eine Wortneuschöpfung aus «correlation» und «realism», die das wechselseitige Verhältnis zwischen Objekten, Menschen und Umwelt bezeichnet und gleichermassen für seine Architekturen und Ausstellungsgestaltungen gilt. Eine «Co-Realität» sind dabei auch Emotionen, «kosmische» Strukturen und ähnliche «unsichtbare» Faktoren. Dafür entwarf Kiesler «Betrachtungsapparate» wie in der Studie, auf der ein Auge durch eine Luke auf ein verhülltes Gemälde schaut oder ein haariger Rahmen ein Bild verdeckt, das hin und wieder durch einen Luftstrom sichtbar wird - ob damit heute Maler einverstanden wären?

Während diese faszinierenden Ideen nicht leicht ausserhalb des Kontextes surrealistischer Kunst vorstellbar sind, besitzen zwei Skizzen aus seiner «shell»-Reihe höchst aktuelle Dimensionen. Kiesler schlägt darin vor, Skulpturen nicht nur auszustellen, sondern zu bewohnen. So verbinden sich Raum und Kunst nicht mehr zu einer Ausstellung, sondern zum «Wahrnehmungsapparat», zum Kunstraum als Modell für den Correalismus: zur ganzheitlichen Welterfahrung.

Bis 
22.01.2007
Künstler/innen
Friedrich Kiesler
Autor/innen
Sabine B. Vogel

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