Lida Abdul im Centre d'Art Contemporain

Lida Abdul · After War Games. What we saw upon awaking, 2006, Projektion CAC Brétigny, 2006, Courtesy Lida Abdul

Lida Abdul · After War Games. What we saw upon awaking, 2006, Projektion CAC Brétigny, 2006, Courtesy Lida Abdul

Besprechung

Wie Bilder machen, wenn Tränen die Sicht versperren? Wie die Hoffnung auf Frieden gestalten, wenn man nur Krieg kennt? Lida Abdul, spätestens seit der Venedig-Biennale mit ihrem Video «White house» bekannt, findet keine Antworten. Nur Bilder.

Lida Abdul im Centre d'Art Contemporain

«Ich möchte Bilder machen, die Zwischenräume bilden, unheimliche Bilder, vertraut und doch erschreckend», sagt Lida Abdul und erschauert. Der kühle Wind der Pariser Banlieue fährt ihr durch die Haare. Sie steht vor dem Centre d'art contemporain am Rande der Stadt, in einer Schleuse zwischen dem tristen Alltag der Schlafstädte und den Ausgängen, die von der Kunst bereitgehalten werden. Direktor Pierre Bal-Blanc, Experte für Video- und Performance-Kunst, zeigt das neue Video von Lida Abdul: «After War Games, What we saw upon awaking»: Männer in afghanischer Kleidung, die energisch und verzweifelt an Tauen ziehen. Der Wind greift in ihre Umhänge, wird hörbar zwischen dem Knarren und Knarzen zum Zerreissen gespannter Taue, die kein Äquivalent im Bild finden. Viel zu schwach sind die Männer. Die Ruinen, an denen sie ziehen, fallen nicht. Am Schluss des Videos wird ein Stein beerdigt. Als könnte aus ihm ein neues Haus spriessen. Steine und Häuser sind zentrale Motive in Abduls Videos, in ihren Fotografien und Performances. «Grave», 2003, zeigt afghanische Männer, die Steine in ein Grab werfen, in «Clapping with Stones», 2004, werden die Reste der von den Taliban zerstörten Bamiyan-Buddhas gegeneinander geschlagen. Mit Geräusch erinnern: «Wie kann man gedenken, ohne Monumente zu bauen? Ich will eine ephemere Form finden, eine Form, aus der etwas entstehen kann», sagt die 33-Jährige, die nach Exil in Deutschland und Indien wieder in Kabul lebt, wenn sie nicht an Biennalen - zuletzt Venedig und São Paulo - und internationalen Ausstellungen unterwegs ist. Distanz und Nähe verschmelzen in ihren Werken zu eindringlichen Bildern. Lida Abdul verkörpert ihre Geschichte - sie verlor ihre ganze Familie im Krieg, wäre allein in diesem Jahr zweimal fast ermordet worden: «Das Filmen ist für mich auch eine Trauerarbeit, diese Bilder sind, was ich fühle, ich bin darin.» Sie ist engagiert, «eingezogen» in ihre Arbeit, in ihr Anliegen. Ihre Filme lassen verstehen: Im Untergang gibt die verzweifelte Geste Halt. «White House», 2005, erzählt von der Geste des Malers: Mit einem grossen Pinsel streicht Abdul eine Ruine weiss, dann einen Mann. Die Geste des Malers endet im Gemälde. Abduls Bilder sind ein Anfang, ein Neuanfang. Biennale São Paulo bis 17.12.

Bis 
16.12.2006
Künstler/innen
Lida Abdul
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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