Pavel Büchler in der Kunsthalle

Pavel Büchler · The Castle, 2005

Pavel Büchler · The Castle, 2005

Besprechung

Namhafte Künstler hat er an der Glasgow School of Art ausgebildet. In der Ausstellung «Absentmindedwindowgazing» lässt sich nun das subtile, intelligente Werk des tschechischen Künstlers Pavel Büchler (*1952) entdecken

Pavel Büchler in der Kunsthalle

Die Installation «The Castle», 2005, empfängt den Kunsthallen-Besucher bereits auf dem Helvetiaplatz. Wobei der Begriff «empfangen» wohl zu freundlich gewählt ist. Denn aus historischen Lautsprechern wispern und schallen Worte der Abwehr, der kategorischen Ablehnung, zitiert nach Kafkas Roman «Das Schloss»: «Sie sind nicht aus dem Schloss, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider sind Sie aber doch etwas, ein Fremder, einer, der überzählig und überall im Weg ist.» Synthetische Stimmen sprechen diesen bedrückenden Text in deutscher und englischer Sprache, in kühler Unpersönlichkeit. Einander überlagernd, überlappend dringen die Sätze mal schmerzhaft laut, mal sachte verhalten aus den formschönen Marconi Sound Projectors, die 1926 in den USA erfunden wurden. Im gleichen Jahr übrigens, in dem Kafkas «Schloss» erstmals publiziert wurde. Rund 80 dieser posaunenförmigen Lautsprecher sind auf und in der Kunsthalle installiert. Ein Entkommen vor den Stimmen gibt es in der Ausstellung nicht.

Büchler, der sich in England einen Namen als Lehrer von Douglas Gordon, Jonathan Monk und anderen gemacht hat, ist in Bern erstmals in einer institutionellen Einzelausstellung zu sehen. Die raumgreifende Installation «The Castle» kann als eine Art Schlüssel zu Vita und Werk Büchlers gelesen werden, der seine Heimatstadt Prag im Herbst 1980 als Dissident verlassen musste. Sprache und ihre Möglichkeiten, aber auch Unmöglichkeiten faszinieren Büchler, wie etwa in «A Year With A Dead Biro (Diary)», 2004, zu sehen ist: Die Tagebuchblätter zeigen Seiten, die je einen Monat lang immer wieder mit Kugelschreiber überschrieben wurden. In «The List», 2003/2006, verbindet Büchler Konzeptkunst mit einem Augenzwinkern. Drei Jahre lang hat Büchler Unterschriften aus auf persönlich getrimmten Werbebriefen gesammelt. Die so entstandene Liste sandte er als Antwortschreiben in verwirrend nüchternem Ton an die Absender: «Your name has been removend from the list.» So entstanden zwei Serien à 242 Blätter, die den Besucher auf stille Art durchs ganze Haus begleiten. Neben der Sprache sind es die Fundstücke des Alltags, die sich wie ein roter Faden durch Büchlers Werk ziehen. Subtil und poetisch etwa das Objekt «Short Stories», 1996, ein durch Gummiband zusammengehaltenes Bündel bis auf Fingernagellänge abgenutzter Bleistiftstummel aus der Cambridge Central Library, vor dem sich trefflich spekulieren lässt, zu welchen Wortverbindungen das Blei der Minen verschrieben worden sein mag. Von einer stillen und zugleich überraschenden Ästhetik ist auch die gemeinsam mit dem Glasgower Filmkünstler Mark Neville realisierte Arbeit «The Moth And The Lamp», 2006. Aufgenommen mit einer Ultra High Speed Kamera, für Auto-Crashtests konzipiert, zeigt die 16-mm-Filmschlaufe eine Motte in extrem verlangsamter Bewegung. Traumwandlerisch umtänzelt und umwebt das Insekt eine nackte Glühlampe wie eine zarte Märchenfee.

Bis 
02.12.2006
Künstler/innen
Pavel Büchler
Autor/innen
Alice Henkes

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