Vierjahrespläne und Kulturbonus

HANS-PETER FELDMANN · Bundesversammlung, 2003, Schwarzweiss Baryt Fotografien auf Karton, 19 Bögen à 62 x 82.5 cm, Ausstellungsansicht Galerie Francesca Pia, Bern, Copyright ProLitteris

HANS-PETER FELDMANN · Bundesversammlung, 2003, Schwarzweiss Baryt Fotografien auf Karton, 19 Bögen à 62 x 82.5 cm, Ausstellungsansicht Galerie Francesca Pia, Bern, Copyright ProLitteris

Fokus

Karten malen und Leserbriefe schreiben genügt nicht - Politik wird im direkten Dialog gemacht. Rosmarie Merz plädierte anlässlich der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Kunstvereins in St. Croix einmal mehr für einen aktiven Diskurs zwischen Kunstschaffenden und PolitikerInnen. Wir setzen darum unsere Reihe mit Politgesprächen fort mit einem Treffen mit der CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, dem FDP-Nationalrat Johannes Randegger und dem Basler Anwalt und Kulturlobbyisten Hans Furer.

Vierjahrespläne und Kulturbonus

Kathy Riklin, Johannes Randegger und Hans Furer im Gespräch

Claudia Jolles: Frau Riklin und Herr Randegger, Sie kommen beide aus den exakten Wissenschaften. Inwieweit bestehen Analogien zur Kultur und was funktioniert anders?

Johannes Randegger: Ich bin in einer Industrie aufgewachsen, die forschungsorientiert ist. Hier ist die Freiheit von Grundlagenforschung ein fundamentales Element, ebenso wie die Nachwuchsförderung und die Unterstützung von risikoträchtigen Projekten. Das sind elementare Bedingungen, die dazu geführt haben, dass die Schweiz in der globalen Forschungslandschaft, gemessen an den Pro-Kopf-Resultaten, eine hervorragende Position einnimmt.

Kathy Riklin: Für mich ist die Kultur die Ergänzung der Wissenschaft. Die Wissenschaft fordert klare Rahmenbedingungen und exakte, objektsture Beweisführungen. Im Bereich der Kultur kann sich der Geist anders entfalten, Ideen können sprudeln, ohne sich an fixe Regelungen zu halten. Es müssen keine Beweise oder saubere korrekte Zitate erbracht werden. Die exakte Welt lässt sich aufbrechen. Doch es gibt durchaus auch Verbindungen ? auf ästhetischer Ebene. Ich habe Geologie studiert. Wenn ich einen Dünnschliffschnitt in einem Mikroskop und darin die Mineralien und das polarisierte Licht ansehe, dann ist dies ein Kunstwerk - wie viele andere Naturphänomene auch.

Vierjahrespläne
CJ: Lässt sich die aus dem wissenschaftlichen Bereich bekannte Form der Förderung, die sich an Vierjahresplänen orientiert, auf die Kultur übertragen?

JR: Ja, indem man das Prinzip der Exzellenz und der Qualität in den Vordergrund stellt. Ein Projekt wird vom Nationalfonds nur dann gefördert, wenn das Peer-Review-Komitee dieses als innovativ und risikobehaftet bezeichnet.

CJ: Kulturprojekte weisen jedoch sehr unterschiedliche Laufzeiten auf. Bei einigen ist es völlig sinnlos, diese alle vier Jahre zu evaluieren. Andere sind vielleicht viel kürzer getaktet. Damit sind diese Vierjahreszyklen, wie sie im Kulturförderungsgesetz vorgesehen sind, fragwürdig.

KR: Ja, in der Tat, mit fertigen Schubladen, lässt sich in der Kultur nicht leben. Es gibt zahlreiche künstlerische Projekte, die sich nicht so klar planen und evaluieren lassen. Aber das ist ja in der Forschung ebenfalls so, da weiss man oft auch nicht, wohin etwas führt.

Steuerliche Begünstigungen
CJ: Die FDP spricht in ihren Positionspapieren von einer möglichen steuerlichen Begünstigung kultureller Aktivitäten. Wie könnte dieser Kulturbonus konkret aussehen?

JR: Wir haben uns vor allem im Stiftungswesen dafür eingesetzt, dass Donationen Steuerabzüge ermöglichen. Von diesen Begünstigungen profitieren hauptsächlich die Hochschulen. Die ETH stand im Vordergrund, aber natürlich auch Fachhochschulen. Wir hätten gerne gehabt, dass man da noch etwas weitergegangen wäre.

CJ: Diese Steuererleichterung könnten auch auf private Sammler ausgerichtet werden. In Amerika basiert der grösste Teil von Museumssammlungen auf privaten Schenkungen.

JR: Wir haben die Diskussion um die steuerpolitische Rolle des Mäzenatentums angestossen. Jetzt geht es darum, Erfahrungen zu sammeln. Das Beispiel der ETH zeigt, dass diese Massnahmen beachtliche Wirkung haben können.

KR: Im Bereich der Kunst ist der Nutzen dieser Schenkungen natürlich auch sehr von den einzelnen Donatoren abhängig. Oft ergeben sich für Museen Folgekosten und etwas monokolore Sammlungen. Ich bin nicht immer glücklich über diese privaten Einzelinitiativen. Das Paul-Klee-Museum ist ja schön, aber ob man dies in zehn Jahren immer noch so sehen wird? Irgendwann fallen diese privaten Museen an die Stadt oder den Kanton und die Frage stellt sich, wie sie zukünftig finanziert werden.

CJ: Gerade hier liesse sich über die Steuern ja einiges lenken, so dass Private vielleicht eher geneigt wären, ihre Sammlung einem bereits existierenden Haus zu überlassen, statt ein eigenes Museum dafür zu bauen. Wie könnte da ein nächster Schritt erfolgen?

JR: Indem beispielsweise Kathy Riklin im Nationalrat möglichst viele Unterschriften für eine überparteilich organisierte parlamentarische Motion sammelt. Wenn diese über hundert Unterschriften umfasst und vom Ständerat ebenfalls eine gleichlaufende Motion mit über 120 Unterschriften eingereicht wird, dann ist das Thema für den Bundesrat gesetzt.

HF: In Frankreich gibt es die «dation»: Erbschaftssteuern können durch Kunst bezahlt werden. Die Erben von Picasso haben deshalb die Werke dem Musée Picasso geschenkt. In der Schweiz ist dies nicht möglich, weil entsprechende Erbschaftssteuern fehlen. Wären Instrumente, die so etwas fördern, wünschbar?

JR: Die Frage ist einfach: Ist ein weiterer Schritt gerechtfertigt oder regelt sich dies nicht von alleine. Es braucht in unserem Lande immer eine Initiative von unten nach oben, ein bottom-up-approach. Wenn sich Paradigmenwechsel abzeichnen, dann muss der Handlungsbedarf der Politik bekannt gemacht werden.

Bildungsdepartement und Kulturstatistik
CJ: Frau Riklin, in Ihrem Positionspapier fordern Sie ein starkes Bundesamt für Kultur, eine Bundesrätin für Bildung und ein eigenes Departement für Sport und Kultur.

KR: Ja, es geht uns darum, Doppelspurigkeiten zwischen Pro Helvetia und dem Bundesamt für Kultur zu vermeiden. Das könnte geschehen, indem das Bundesamt für Kultur gestärkt wird - analog zum französischen Modell. Dort spielt Kultur sowohl innen- als auch aussenpolitisch eine wichtige Rolle.

HF: Wie wichtig erscheint Ihnen eine «Kulturstatistik», die im Kulturartikel verankert werden soll und die regelmässig Daten über die Anzahl der Institutionen, der Kulturschaffenden, deren finanzielle Basis etc. erhebt.
JR: Das Statistiksystem im Bildungswesen ist eines der Führungsinstrumente. Auch im Wissenschaftsbereich finden laufend so genannte «Benchmarks» statt. Wir zählen jedes Huhn in der Schweiz und wie viele Eier es legt - es sind 500 Eier pro Huhn, mehr als ein Ei pro Huhn pro Tag.
Auch wenn nicht jede Statistik sinnvoll ist, müssen wir uns überlegen, wie wir die Kunsthochschulen engagieren. Sie sind verpflichtet, «angewandte Forschung» und «Lehre» zu betreiben sowie Dienstleistungen zu erbringen. Dies könnte beispielsweise auch heissen, eine gescheite Statistik zu erstellen oder einen Wirtschaftsimpact zu messen.

KR: Grundsätzlich braucht es in jedem Bereich Daten, an denen man sich festhalten kann und die helfen, die Aktivitäten in diesem Bereich zu evaluieren.

HF: Und wie stehts mit dem Folgerecht?

KR: Das geht ins Gebiet der Bibliothekstantiemen, da geht es um Bürokratie?

JR: Es passt nicht in die heutige politische Landschaft, in welcher es um Verschlankung bürokratischer Abläufe geht. Es sind oft Minderheiten, die einen Antrag stellen. Und es ist wichtig, den Moment der Reaktion nicht zu verschlafen. So wie beim Kulturgütertransfer-Gesetz. Da lag dem Bundesrat eine erste Version vor, dann wurde vom Basler Rechtsanwalt Frank Vischer ein alternativer Vorschlag ausgearbeitet. Anhand dieser beiden Vorschläge konnte eine sehr fokussierte Debatte geführt werden. Wäre dies nicht passiert, hätten wir jetzt ein Gesetz, das viel einseitiger ausgefallen wäre. Unser System braucht Partizipation. Darum sind wir Halbtagespolitiker, wir müssen die Vorlagen ja auch im «Rössli» und an anderen Orten vertreten. Und es geht keine Veranstaltung durch, bei welcher uns nicht einige Zettel zugesteckt werden. So müssen sich die verschiedenen Gruppierungen melden.
Im wissenschaftlichen Bereich verfügen wir deshalb über ein Netzwerk, das «Team Future» heisst. Darin eingebunden sind Politiker aus verschiedenen Parteien, die sich für den Forschungsstandort Schweiz einsetzen. Vielleicht wäre auch für die Kultur ein entsprechendes Netzwerk förderlich.

Kathy Riklin, CVP-Nationalrätin, Geologin und seit 2006 Präsidentin der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, E-Mail: kathy@riklin.info

Johannes Randegger, FDP-Nationalrat Kanton Basel-Stadt, Chemiker und Unternehmensberater, E-Mail: johannes.randegger@novartis.com

«Peer Review» bezeichnet ein Verfahren zur Beurteilung von wissenschaftlichen Arbeiten durch unabhängige Gutachter, die so genannten «Peers» (engl. Ebenbürtige), mit dem Ziel der Qualitätssicherung.Unter «Benchmark» versteht man ein formalisiertes Konzept, welches die Überprüfung von Leistungsmerkmalen mehrerer Objekte, Prozesse oder Programme ermöglicht.

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Milieu Schweiz Bern
Autor/innen
Claudia Jolles

Werbung