Zwischen Erinnerung und Auflösung

Juan Muñoz · Winterreise, 1994, Silikon, Polyesterharz, Stoff, Motor, Holz, Boden: ca. 2000 x 1043 cm, Figur: 190 x 54 x 40 cm, Fonds national d´art contemporain, Ministère de la culture et de la communication, Paris © The Estate of Juan Muñoz,
Torrelodones 2006

Juan Muñoz · Winterreise, 1994, Silikon, Polyesterharz, Stoff, Motor, Holz, Boden: ca. 2000 x 1043 cm, Figur: 190 x 54 x 40 cm, Fonds national d´art contemporain, Ministère de la culture et de la communication, Paris © The Estate of Juan Muñoz,
Torrelodones 2006

Martin Honert · Ritterschlacht, 2003, PU-Schaum, Epoxydharz, Stahl, Aluminium, Acryl, Plastik, Installationsfläche ca. 650 x 500 cm, Besitz des Künstlers, Ausstellungsansicht in der Kunsthalle Düsseldorf, Courtesy Matthew Marks Gallery, New York, Foto: Achim Kukulie, Courtesy ProLitteris

Martin Honert · Ritterschlacht, 2003, PU-Schaum, Epoxydharz, Stahl, Aluminium, Acryl, Plastik, Installationsfläche ca. 650 x 500 cm, Besitz des Künstlers, Ausstellungsansicht in der Kunsthalle Düsseldorf, Courtesy Matthew Marks Gallery, New York, Foto: Achim Kukulie, Courtesy ProLitteris

Fokus

Zwei grosse Maler des Körpers gaben der ersten Düsseldorfer Quadriennale ihren thematischen Impuls: Das museum kunst palast zeigt eine gewichtige Caravaggio-Schau, während Francis Bacon im K20 eine umfassende Retrospektive gewidmet ist. Von der Stadt grosszügig gefördert, sind die verschiedenen Ausstellungsprojekte dieses Herbstes unter dem Thema des Körpers in der Kunst lose miteinander verklammert.

Zwischen Erinnerung und Auflösung

Die erste Düsseldorfer Quadriennale zeigt Bilder des Körpers

Das anlässlich der Quadriennale ausgerichtete Kunstfestival zum Thema des Körpers ist - trotz der Vertiefung durch ein wissenschaftliches Symposium - keine zusammenhängend ausgearbeitete Bestandsaufnahme zu einem komplexen Thema; seine Stärke liegt in der Konzentration auf einige herausragende Positionen, anhand derer die mit Subjekt und Identität, mit der Beziehung von Physis und Psyche verknüpfte Problematik anschaulich wird.
Der Wechselwirkung von Körper und Raum als einer Grunderfahrung der Kunst der späten Sechzigerjahre trägt die grosse Bruce Nauman-Ausstellung im NRW-Forum Rechnung. Sehr konsequent konzentriert sie den Blick auf die performativen Aspekte in Naumans Werk, die sich auch in der Interaktion des Betrachters mit dem Raum äussern können: Körperliches Agieren als eine Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis.

Ihren Schwerpunkt setzt die Quadriennale auf zeitgenössische Bildhauerei, die in den 1980er Jahren eine Wiedergeburt der Figur erlebt. Das Subjekt kehrt zurück und mit ihm die Intimität des menschlichen Körpers, der als Projektionsfläche für essenzielle Erfahrungen, Identität, Erinnerung und Erzählung wieder zur Verfügung steht. Juan Muñoz´ (1953-2001) Untersuchungen des Verhältnisses zwischen Betrachter, Objekt und Zwischenraum geraten zu Inszenierungen der Leere und des Schweigens, jener Bereiche mithin, die sich dem Verstehen entziehen. Das K21 zeigt eine beeindruckende Werkschau des spanischen Bildhauers, der seit Mitte der 1980er Jahre zuerst mit massstabslosen Raum- und Architekturfragmenten, später mit Ensembles verfremdeter menschlicher Figuren Aufsehen erregte. Muñoz benutzt die Realistik seiner Arbeiten, um hinter dem scheinbar Vertrauten das Zwiespältige und Abgründige aufscheinen zu lassen. Auf perspektivischen Böden gerät das Raumgefühl aus den Fugen. Einen optischen Abgrund unter den Füssen, vor sich an der Wand eine Reihe Fleischerhaken, findet sich der Zuschauer in den Illusionsraum einer rätselhaften und latent bedrohlichen Inszenierung gestellt. Die Arbeiten verstören nachhaltig, weil sie den Betrachter über seine Position stets im Unklaren lassen. Inmitten einer Masse von einhundert grauen Chinesen, alle mit dem gleichen ausdruckslosen Lächeln bewaffnet, wird der Besucher selbst zu einer Figur in einem Bild, das ihn gleichzeitig - wie ein blinder Spiegel - auf Distanz hält. Identitätskonstruktion scheint unmöglich. Muñoz´ Welt ist eine Welt in der Möglichkeitsform, von Isolation und Kommunikationslosigkeit geprägt.

Vertraut und fremd zugleich erscheinen auch die Skulpturen und Installationen Martin Honerts (*1953). Honert arbeitet ebenfalls mit Inszenierungen und Atmosphären, anders als bei Muñoz dominiert jedoch nicht das Verstörende, sondern ein märchenhafter, oft auch spielerisch-humorvoller Zug. Auch bei ihm geht es nicht um den Körper als Leib, sondern um Abbilder des Realen und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit - genauer um das fragile Material erinnerter Bilder, die unsere Identität mitbestimmen. Der «Ritterschlacht» von 2003 liegt eine eigene Kinderzeichnung zugrunde, die Honert mit etwa acht Jahren angefertigt und detailgetreu in ein lebensgrosses dreidimensionales Bild übertragen hat. Das groteske Spielzimmer mit kämpfenden und bereits ermordeten Figuren, die deformierten Playmobilmännchen ähneln, zeigt Honerts bemerkenswerte Melange aus Aktualität und Versponnenheit, Nostalgie und Ironie, präziser Durchformung und Kindersprache. Ein grüner Wackelpudding auf dem Tisch, von Zeit zu Zeit durch einen Motor in Bewegung versetzt und intensives Waldmeisteraroma verbreitend, evoziert spontan die kindliche Freude an der Konsistenz. Immer jedoch widersetzt sich die kühle Ästhetik des Materials sentimentaler Verklärung und hält das Objekt auf Distanz - Erinnerung als eingefrorenes Bild, das zwischen Wiedererkennbarem und nicht ganz Greifbarem hartnäckig überlebt.

Eine weitere markante Position figurativer Bildhauerei zeigt die Kunsthalle mit Berlinde de Bruyckere (*1964). Für Honert ist es die erste Überblickausstellung in seiner Heimatstadt, für de Bruyckere die erste grosse Schau in Deutschland. Die Belgierin nähert sich dem Körper in klassischen Kategorien von Fragment und Totalität, die auf seine Funktion als Ort sinnlicher Erfahrung zielen. Bekannt wurde sie mit Abformungen von Pferdekadavern, die mit echtem Fell überzogen sind. Deformierungen, am Abguss vorgenommen, präsentieren die Skulpturen als Bild von Leid und Gewalt: Eine Inszenierung existenzieller Themen, die sehr auf die offensichtliche Wirkung der Körperlichkeit des Tierleibes setzt. Anders der zusammengekauerte Torso «Aanéén - Genaaid». Hier verdichet sich die Dialektik von versehrtem Leib und schützender zweiter Haut tatsächlich zu einem Bild der Innerlichkeit und «sinnlichen Vergegenwärtigung menschlicher Befindlichkeit» (Beate Söntgen).

Die radikalste Position ist im Kunstverein zu sehen. Anders als de Bruyckere, der es um skulpturale Verkörperung von Tod und Verlust, geht, arbeitet Teresa Margolles (*1963) direkt mit den Überresten des menschlichen Körpers. Seit sie vor vier Jahren mit einer Wandarbeit aus abgesaugtem Körperfett in Europa bekannt wurde, provoziert die Mexikanerin die Kritik. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Realität ihrer Heimat arbeitet Margolles, selbst medizinisch-forensische Assistentin, gezielt mit Tabubrüchen, die sich hinter der scheinbar poetischen, minimalistisch strengen Formsprache verbergen: In einen Betonkubus ist ein Fötus eingemauert, Seifenblasen entstehen aus Wasser, mit dem Leichen gewaschen wurden. In der Häufung allerdings können die Motive redundant, der mahnende Impuls der Werke überdeutlich werden. Angesichts der mitunter allzu kalkuliert erscheinenden Schockwirkung mag sich Betroffenheit nicht unbedingt einstellen.
Im Kunstverein jedoch tut die Konzentration auf nur eine Arbeit gut. Den langen, lichtgedämmten Raum durchspannt auf Hüfthöhe ein einziger, aus 127 Stücken zusammengeknoteter Faden. Auf Distanz fast verschwindend, sich förmlich auflösend, zeigen sich erst aus der Nähe Spuren eingetrockneten Blutes: Es handelt sich um die Endstücke von Fäden, mit denen Leichen nach der Obduktion zusammengenäht wurden. Die spürbare Spannung des Fadens erzeugt ein Gefühl von äusserster Fragilität und Vergänglichkeit. Es ist eine Arbeit über das Verschwinden, in der Körper und ihre Geschichte nur noch in minimalen Spuren ihrer Existenz präsent sind.

Werbung