Jahresausstellungen

stöckerselig · traverser Paris, revolte, 2006, Installation mit verschiedenen Medien, Foto: Stefan Meier © Kunsthalle Basel, 2006

stöckerselig · traverser Paris, revolte, 2006, Installation mit verschiedenen Medien, Foto: Stefan Meier © Kunsthalle Basel, 2006

Urs Lüthi · Heaven aus: The Remains of Clarity, 2004/2006, C-Print auf Alu-Dibond, Plexiglas, 200 x 150 x 9 cm; Shame, Skulptur in Vitrine, Unikat, 2004/2006, Wachs, Gesamthöhe Vitrine: 189.5 x 80 x 80 cm, Courtesy Galerie Lelong Zürich, ausgestellt im Kunstmuseum Luzern, «Top of Central Switzerland», 2007/08 © Urs Lüthi

Urs Lüthi · Heaven aus: The Remains of Clarity, 2004/2006, C-Print auf Alu-Dibond, Plexiglas, 200 x 150 x 9 cm; Shame, Skulptur in Vitrine, Unikat, 2004/2006, Wachs, Gesamthöhe Vitrine: 189.5 x 80 x 80 cm, Courtesy Galerie Lelong Zürich, ausgestellt im Kunstmuseum Luzern, «Top of Central Switzerland», 2007/08 © Urs Lüthi

Fokus

Die Monate Dezember und Januar sind hierzulande oft dem lokalen Kunstschaffen gewidmet. Auf dem Programm der Institutionen steht die Jahresausstellung. Diese ist ein spezielles Format, welches das Besondere pflegt und Nachbarschaft oft als wichtiger einschätzt als künstlerische Qualität. Nicht nur der Innovation, auch dem Skurrilen wird - je nach Institution - viel Platz eingeräumt.

Jahresausstellungen

Eine grossartige Sache

«Top of Central Switzerland»: Der Titel der jüngsten Ausstellung im Kunstmuseum Luzern könnte auf dem Portfolio einer Versicherungsgesellschaft oder eines Dienstleistungskonzerns stehen, Prägedruck auf Hochglanz. Tatsächlich gibt man sich in der Innerschweiz trotz lokaler Perspektive ehrgeizig und will zeigen, was der «heimische Boden» hervorgebracht hat. Nachdem es sich in den letzten Jahren eingespielt hat, dass es vor allem junge, noch nicht etablierte Künstler sind, die an Jahresausstellungen teilnehmen, hat man in Luzern für einmal den Spiess umgedreht und zeigt die Besten und Erfolgreichsten. Auf der Ausstellungsliste stehen Namen wie Rémy Markowitsch, Bessie Nager oder Steiner/Lenzlinger. Zur Freude aller liessen sich sogar Topstars wie Ugo Rondinone oder Urs Lüthi auf die Einladung des Museums ein. Gemeinsam mit denjenigen Künstlerinnen und Künstlern, die aufgrund eines Bewerbungsdossiers aufgenommen wurden, bestreiten sie nun eine Ausstellung, die neugierig macht und sicherlich auch auswärtiges Publikum nach Luzern locken wird.
Natürlich habe dieses Projekt, das für einmal die tradi-tionelle Jahresausstellung ersetzt, einiges an kritischen Reaktionen ausgelöst, kommentiert Kurator Christoph Lichtin. Befürchtungen, die traditionelle Jahresausstellung würde nun abgeschafft, hätten aber schnell aus dem Weg geräumt werden können. Schliesslich sei das eine der wenigen Auflagen, denen das Kunstmuseum Luzern in den kommenden Jahren wieder gerne nachkomme. In anderen Städten ist das nicht anders: Ob Kunstverein oder Museum, die Institutionen, die Jahresausstellungen regelmässig durchführen, sind alle Subventionsempfänger. Daraus ergeben sich, lokale Verpflichtungen. Wenn Künstlerinnen und Künstler hierzulande also auf ihr Recht pochen und eine angemessene Repräsentation in «ihrer» Institution fordern, dann ist das nicht nur eine Tradition, sondern - in vielen Fällen - ein berechtigter Anspruch mit juristischer Grundlage.

Platz einfordern   Es hätte sie in ihrer ersten Zeit schon etwas irritiert, mit welcher Selbstverständlichkeit die Künstler Eingang in die Institutionen forderten, erzählt Sabine Schaschl. Die Direktorin vom Kunsthaus Baselland führt aus, dass es in Österreich, wo sie herkommt, nichts Vergleichbares gäbe. Dem lokalen Kunstschaffen würde höchstens punktuell Aufmerksamkeit geschenkt. Die 1998 von der Kunsthalle Wien verantwortete Ausstellung «Lebt und arbeitet in Wien» folge letztlich aber denselben Ansprüchen wie die Schweizer Jahresausstellungen. Schaschl hat die Vorteile des hiesigen Formates kennen und schätzen gelernt: «Jahresausstellungen sind eine grossartige Sache.» Auch deshalb, weil sie sich beim Jurieren einen umfassenden Überblick über das Schaffen der lokalen Szene verschaffen könne. Es gibt Dossiers, die kennt sie inzwischen sehr gut. So kommt es, dass sie bezüglich der Werkentwicklung einzelner lokaler Künstlerinnen und Künstler immer bestens informiert ist. Für das Kunsthaus Baselland, das sich trendmässig an vorderster Front bewegt, ist das essentiell. Es seien fast jedes Jahr zudem Entdeckungen zu machen, meint Schaschl. Letztes Jahr war das der junge Christian Friedrich. Dieser bestritt mit seinem Auftritt an der Regionale im Kunsthaus Baselland seine erste Ausstellungsbeteiligung in einer Institution. Dass der Kanton Baselland sogar noch ein Werk ankaufte, machte das junge Künstlerglück endgültig perfekt.

Auswählen   Nun, Sabine Schaschl vom Kunsthaus Baselland kann sich auch zum Jahreswechsel leisten, wovon andere Kunstvereine nur träumen: Sie kann aus dem Vollen einer trinationalen Region schöpfen und darf sich ohne allzu grosse Angst vor den Ressentiments Abgewiesener auf die Förderung junger und unbekannter Künstlerinnen konzentrieren. Denn wenn, wie in Basel seit ein paar Jahren üblich, 14 Institutionen beteiligt sind, die aus eingereichten Dossiers auswählen, dann wird man nicht abgewählt, sondern schlichtweg nicht ausgewählt, weil man zu wenig auffällt oder für einmal einfach nicht ins Konzept einer der 14 Ausstellungen passt. Dieses Jahr steigt die Basler Regionale bereits zum achten Mal. Früher, bevor die Situation mit dem regionalen Zusammenschluss beruhigt wurde, stand die Basler Kunsthalle im Fokus. Obwohl flankiert vom Kunsthaus Baselland und vom Ausstellungsraum Kaserne, sah man sich überfordert. Neben dem Platzmangel wurde es auch zunehmend schwierig, einer Künstlerschaft gerecht zu werden, innerhalb derer viele einfach nicht den elitären Kriterien international ausgerichteter Institutionen entsprechen. Mit der Geburt der Regionalen vor bald zehn Jahren hatte man eine fast perfekte Lösung. Der Clou: Kunstschaffende reichen ein Dossier ein. Fachjurys aus 14 Institutionen aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Frankreich wählen sich aus diesem zentralen Pool «ihre» Künstler aus. Falls sich mehrere Häuser für denselben Künstler interessieren, wird diskutiert. Ein Konzept, das erstaunlicherweise sehr gut funktioniert. Die Leute sind mit der Regionalen zufrieden.

Resonanz   Nur, wer klappert denn schon alle 14 Institutionen ab? Christoph Lichtin bringt den Mangel des Basler Regionale Konzeptes auf den Punkt: «Früher fuhr ich regelmässig nach Basel, um mich in der Jahresausstellung über das aktuelle Schaffen zu informieren.» Heute sei dies jedoch vollkommen chancenlos. So bahnbrechend das Konzept auch ist, die Regionale sei zu einem internen Ereignis von Lokale für Lokale geworden.
Mitarbeiter wollen sehen, was der Kollege denn so in seiner Freizeit macht. Grossmütter kommen wegen ihren Enkeln, Eltern wegen ihrer Kinder. Das ist normal und grundsätzlich auch in Ordnung. Und doch kann Nadja Schneider, scheidende Direktorin vom Kunstmuseum Glarus, ihre Enttäuschung nicht verbergen: Die unjurierten Jahresausstellungen, in Glarus in drei alphabetischen Tranchen durchgeführt, ziehen sehr viel Publikum an. Dies bedeute aber noch lange nicht, dass diese Leute später zu anderer Gelegenheit wieder ins Kunsthaus kämen. Die Gründe, sich den kreativen Output von Verwandten und Bekannten anzusehen, sind halt doch ganz andere als das Interesse an der Auseinandersetzung mit aktueller Kunst.

Auszeichnungen   Nun, ob juriert oder unjuriert, an den Jahresausstellungen stellen kaum arrivierte Künstlerinnen und Künstler aus. Dies ganz im Gegensatz zu früher, als das Format noch Weihnachtsausstellung hiess und die Künstler einer Stadt alljährlich stolz mit ihren neusten Werken aufwarteten. Diese Zeiten sind passé, der Markt hat sich professionalisiert und kaum ein Etablierter ist auf die Weihnachtsausstellung angewiesen. Schade eigentlich: Denn die Szene eines Ortes bildet sich selbst bei einem quantitativ so umfangreichen Unternehmen wie der Basler Regionalen nicht ab. Eine Ausnahme diesbezüglich ist das Aargauer Kunsthaus. Der Kurator Stephan Kunz ist überzeugt, dass es der museale Rahmen sei, der auch Arrivierte wie Hugo Suter regelmässig zur Teilnahme motiviere. Ausschlaggebend ist sicherlich auch die insgesamt gute und freundschaftliche Atmosphäre, die während Beat Wismers Amtszeit als Direktor im Aarauer Betrieb herrschte.
Ein Stück weit ist Aarau also eine Ausnahme. In der Regel wollen sich arrivierte Künstler keiner Jury stellen und schon gar nicht in Kauf nehmen, ausjuriert zu werden. Eine Motivation sind jedoch Auszeichnungen, Verdienst- oder Leistungspreise, die im Rahmen der Jahresausstellung vergeben werden. Dank dem Preis, der bei ihr alle zwei Jahre vergeben würde, meint denn auch Roswitha Schild, die Präsidentin des Solothurner Kunstvereins, könne sie mit einer altersmässig ausgewogenen Künstlerzusammenstellung rechnen. Die lokale Künstlerschaft soll repräsentativ vertreten sein. So ist es Schild ein zentrales Anliegen, dass nicht allzu rigide juriert wird. Die Leute sollen Freude haben, sagt sie, schränkt dann aber doch ein, dass auch sie für «Kirchgemeindekunst mit Mandala-Implikationen» (sic!) und Kunsthandwerkliches nicht zu haben sei.

Alles willkommen   Nun, auf solches und ähnliches wird man im Rahmen der Kunstszene 07 im Zürcher Toni-Areal durchaus stossen. Eva Wagner, die städtische Kulturbeamtin, welche die unjurierte, im Dreijahresrhythmus durchgeführte Ausstellung organisiert, findet dies erfrischend und erfreulich: «In unserer Gesellschaft herrscht überall Wettbewerb. Umso schöner, wenn es Bereiche gibt, die davon ausgeschlossen sind.» Für den Anlass haben sich 600 Künstler angemeldet. Wer 150 Franken Unkostenbeitrag bezahlt, ist dabei. Ob Blumenhelgen oder Makramé, wilde Malerei oder Eisenplastik, im Zürcher Toni-Areal ist alles willkommen. Dies wird auch in Zukunft so bleiben: Die unjurierte Ausstellung, welche die Stadt immerhin 300.000 Franken kostet, wird auch in den kommenden Jahren weitergeführt. Neu sollen sich auch Institutionen wie Migros Museum, Kunsthalle, die Grafische Sammlung der ETH oder das Kunsthaus alle drei bis vier Jahre ums Lokale kümmern.
In der grössten Schweizer Stadt mit der lebendigsten Szene gibt es die traditionsreiche Jahresausstellung also nicht. Ein Manko? Zürcher, die sich einer Jury stellen wollen, können sich bei den kleineren Kunstvereinen bewerben. Das Kunsthaus Langenthal zum Beispiel ist offen für alle. Ganz einfach deshalb, weil die lokale Langenthaler Szene viel zu klein ist, als dass es Sinn machen würde, sie regelmässig auszustellen. Auffällig ist hierbei, dass die junge Museumsdirektorin Fanni Fetzer trotz aktuellem, innovativem Programm an das Format der Jahresausstellung glaubt. Sie betont, wie wichtig es sei, das lokale Beziehungsnetz zu pflegen und zu kultivieren. Man kann ihr nur beistimmen: Museen stehen eben nicht auf der «grünen Wiese» und Kultur gehört zu einem Leben, das auch in Zeiten der Globalisierung im Lokalen pulsiert.

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Aargauer Kunsthaus, Aarau Schweiz Aarau
Ausstellungsraum Klingental Schweiz Basel
Bündner Kunstmuseum Chur Schweiz Chur
Cabaret Voltaire Schweiz Zürich
FABRIKculture Frankreich Hégenheim
Kaskadenkondensator Schweiz Basel
Kulturwerk T66 Deutschland Freiburg/B
Kunst Museum Winterthur | Beim Stadthaus Schweiz Winterthur
Kunst Raum Riehen Schweiz Basel/Riehen
Kunsthalle Basel Schweiz Basel
Kunsthalle Bern Schweiz Bern
Kunsthalle Palazzo Schweiz Liestal
Kunsthaus Baselland Schweiz Basel/Muttenz
Kunsthaus Centre d'art Pasquart Schweiz Biel/Bienne
Kunsthaus Glarus Schweiz Glarus
Kunsthaus L6 Deutschland Freiburg/B
Kunsthaus Langenthal Schweiz Langenthal
Kunstmuseum Luzern Schweiz Luzern
Kunstmuseum Olten Schweiz Olten
Kunstmuseum Solothurn Schweiz Solothurn
Kunstmuseum Thun Schweiz Thun
Kunstverein Freiburg Deutschland Freiburg/B
Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne Schweiz Lausanne
Museum zu Allerheiligen Schweiz Schaffhausen
Projektraum M54 Schweiz Basel
Städt. Galerie Stapflehus Deutschland Weil am Rhein
Toni Areal Schweiz Zürich
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Autor/innen
Claudia Spinelli

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