Cyprien Gaillard

Le canard de Beaugrenelle, 2008, Bronze, Beton, 200 x 150 x 200 cm, pièce unique. Courtesy Cosmic Galerie, Paris

Le canard de Beaugrenelle, 2008, Bronze, Beton, 200 x 150 x 200 cm, pièce unique. Courtesy Cosmic Galerie, Paris

Real Remnants of Fictive War VI, 2007, Lambda Print, 100 x 150 cm

Real Remnants of Fictive War VI, 2007, Lambda Print, 100 x 150 cm

Fokus

Anders als im Objektiv von Bechers' Kamera erscheinen vielen Künstlern heute die Architekturen der industriellen Moderne als Ruinen, zeugen von Verfall und Geschichtsvergessenheit. Verluste im zunehmend geglätteten Gesicht der Welt, die immer mehr junge Künstler dokumentieren oder aufhalten wollen. Cyprien Gaillard ist einer ihrer radikalsten Vertreter. In Videos, Landschafts-Interventionen, Skulpturen, Gemälden und Fotografien erkundet er Formen des Vandalismus im zeitgenössischen Weltbild.

Cyprien Gaillard

Ruine Moderne

Ist die Moderne unsere Antike? Liess die Documenta die Frage offen, geben Frankreichs Künstler derzeit gute Antworten: Laurent Grasso inszeniert Moderne als Ästhetik der Beklemmung und stellt die Bauruine des einst als grösstes Hotel der Welt geplanten Ryugyong Hotels in Nordkorea als skulpturales Modell aus. Der 36-Jährige erhielt in diesem Jahr den Prix Marcel Duchamp. Dem archäologisch Alltäglichen auf der Spur, findet Raphaël Zarka in Resten des modernen Lebens ikonografische Trägerstrukturen unseres Welt-Bildes. Und dokumentiert sie in Fotografien halb zerfallener Skater-Betonröhren in verwachsener Landschaft. Der 31-Jährige erhielt gerade den Prix Ricard. Die beiden Ausgelobten weisen die Richtung im aufblühenden französischen Kunstgeschehen: weg von Selbstverliebtheit und Post-Pop, hin zu neuen Fragen, die das Bild unserer Zeit ausleuchten.

Kontakt zur Welt

Cyprien Gaillard gehört zu den neuen Erkundern: «Ich bin fast nie im Atelier», sagt er mit Hinweis auf eines seiner Vorbilder, den Land-Artisten Robert Smithson. «Ich finde das Verlassen des Ateliers, das Wegwenden vom Computerbildschirm äusserst wichtig, reise viel in Banlieues oder weltweit in Städte und Landschaften, wie gerade für meine Kasseler Ausstellung nach Ägypten. Draussen wird man fündig, im Kontakt mit den Dingen.» Wie ein neuer Humboldt der Kunst stösst Gaillard auf Hochhaus-Ruinen in England, die für Werbevideos in ein riesiges Farben-Feuerwerk getaucht werden - sein Video «Color like no other», ein Höhepunkt der letztjährigen Lyon-Biennale, zeigt die Zerstörung als schönen, grausamen Akt. Als würden die Sozialbauten mit bunten Farben geteert und gefedert: «Eine erschreckende Negation der Ruine. Dabei gehören die Gebäude längst nicht mehr den Architekten oder Stadtplanern, sie sind Teil der Landschaft geworden.»
Gaillard ist kein Verfechter der Restauration. Er sieht die Form-Eigenheiten von Objekten, die als hässlich verachtet werden - trotz oder gerade wegen ihrer stadtbildenden Macht. «Hubert Robert hat das schon früh erkannt», schwärmt er von dem Landschaftsmaler des 18. Jahrhunderts, «er malte Versailles kurz vor der Fertigstellung, der Garten wurde gerade angelegt. Man sieht eine Zerstörung von Natur ohnegleichen, auf deren Trümmern die Adligen promenieren.» Dies ist für Gaillard ein Sinnbild der Moderne. Wir stehen nicht etwa, wie dies einst Perrault für den Konflikt zwischen Alt und Neu vorschlug, auf den Schultern von Riesen, sondern «wir gehen auf dem Schutt von Ruinen. Wenn man heute ein Gebäude abreisst, wird der Beton direkt vor Ort zermahlen und dann für Fundamente oder Strassen verbaut.» Die «Grande Allée» des Château d'Oiron bei Poitiers bedeckte Gaillard mit Bauschutt. Für den 28-jährigen Pariser ist die Moderne, was für Benjamins Engel der Geschichte das Paradies war: ein Trümmerhaufen. Bildend will der Künstler kitten, was zerfiel - vergebens. Zu stark bläst der Wind des Fortschritts auch ihn durch den Sturm der Geschichte. Mit deren Ruinen schmückt das Alte die Moderne, sie ragen «wie ein Stück unerklärlichen Altertums und grauen Mauerwerks in ihr neues Denken und Handeln hinein», wie Nietzsche schrieb. «Le canard de Beaugrenelle», die tonnenschwere Bronze-Skulptur einer sich zum Flug reckenden Ente, die lange vergessen auf dem Vorplatz des heute als gescheitert geltenden Pariser Hochhaus-Experiments der Siebziger stand, nahm Gaillard und stellte sie vor die Berliner Neue Nationalgalerie, dann vor Brétignys Kunstzentrum. So stellt Verrückung die Verrücktheit des Modernisierungsdrangs dar.

Schweizer Ruinen

Aus übriggebliebenem Alten konstruiert das Neue Identität. «Man muss einen Palast zerstören, um daraus ein Objekt zu machen, das interessiert», schrieb Diderot 1767. Dies könnte ein Leitsatz des Künstlers sein. Interesse beginnt, wo Untergang Ruine wird, Entropie Form annimmt. Für die Serie «Swiss Ruins», 2005, liess Gaillard, an der Lausanner École cantonale d'art ausgebildet, von Ian Macpherson Landschaften malen, in denen Hochhäuser stehen. Pittoreske Schönheit für einst brutal angeeignete Natur, in der sich nun Betonbauten erheben wie Athens Akropolis - oder wie die futuristische Hochhausruine des Genex-Turms. Das Westtor Belgrads würdigt Gaillard in seinem 30-minütigen Video «Desnianski Raion», 2007.

Lebens-Zeichen

«In der Schweiz herrscht der Wahn zur Erneuerung. Andauernd wird Gebautes zerstört, um noch Neueres zu errichten. So homogenisieren sich die Stadtbilder.» Wie die Architektur-Bildhauerin Monika Sosnowska erkennt Gaillard das Gesicht der Kultur in den Überresten einstiger Revolutionen - ob industrieller oder kommunistischer ist hier einerlei. Seine Falten, Narben und Kerben zeugen von Leben und «Seele», die immerfort modernisierte Stadt hingegen gleicht den starren Botox-Visagen der uniformierten Haute Volée. «Man muss Ruinen erhalten», sagt Gaillard, «der administrative Vandalimus der Stadtplaner ist monströs. Dagegen sind einige brennende Autos in den Cités winzig.» Mit Smithson nimmt Gaillard Zukunft als verkehrte Vergangenheit. «Rien ne va s'arranger», wir gehen dunklen Zeiten entgegen. In den Ruinen der jüngsten Vergangenheit sieht er Formen für die nahende Zukunft. Das verblüfft, geht es per se doch um die Definition von bisher Ungesehenem. Gaillard aber betreibt ästhetische Archäologie als Praxis, die längst Gesehenes vom visuellen Schutt befreit. Vergangenes Jahr liess er Smithsons «Spiral Jetty» von 1970 gezielt in Nebel verschwinden. Die Aktion ist Teil der Serie «Real Remnants of Fictive Wars», ein Videostill wird aktuell in den «Galeries des Galeries» des Kaufhauses Lafayette gezeigt. Sie lässt an Alexandre Ponomarevs Aktion von 2000 denken, der mit Hilfe von 4 russischen Kriegsschiffen eine ganze Insel im Rauch von Nebelbomben verschwinden liess. Die romantische Geste des Ukrainers wird bei Gaillard zum enttarnenden Handstreich. Sein Nebel besteht aus Löschpulver. Ist die Aufmerksamkeit zunächst auf die von Smithson mit Bedacht gewählte Landschaft gelenkt worden, liegt dann ein synthetischer Schleier auf dessen Kunstwerk.

Notwendig rückwärts

«Getränkt mit einer Botschaft aus der Vergangenheit», heisst es im ersten Satz der 1964 verfassten Venedig-Charta zum Erhalt von Baudenkmälern, «sind historische Monumente Zeugnisse jahrhundertealter Traditionen». Diesen Zeugnischarakter galt es damals zu erhalten. Nur im Überleben des Alten erkennt sich das Neue als «modern». Gaillards Arbeiten blicken aus einer dunklen Gegenwart in eine Vergangenheit, die genau jene als helle Zukunft träumte. Dieser Blick antwortet auf einen Bedarf: In diesem Jahr war Gaillard in Gruppenausstellungen der Fondation Picard, der Galeries Lafayette, der Biennale in Bukarest ebenso dabei, wie in Genf, Brisbane, Grenoble, London, Sevilla oder Chamarande. Er trägt auf ihm eigene Weise zur Profilierung jener neuen Generation französischer Künstler bei, die Moderne wie ein Kindheitstrauma verhandeln. Als geliebte Ruine, für die es nur den Blick zurück geben kann. Sie werden in eine Zukunft geblasen, der sie notwendig den Rücken zukehren müssen, um besser sehen zu können.

Bis 
14.03.2009

Einzelausstellung: «Pruitt Igoes Falls», Kunsthalle Fridericianum Kassel, 17.1.-15.3.

Gruppenausstellungen: «The Sublime Is Now», Galleria Civica di Modena, bis 6.1. «Antidote 4», La Galeries des Galeries, Paris, bis 10.1.
«Sudden White», Royal Academy of Arts, London, bis 19.1.
«Second_nature», Centre artistique et culturelle du domaine de Chamarande, bis 28.4

Jens Emil Sennewald, Kunstkritiker und Publizist, arbeitet mit seiner Agentur texte&tendenzen in Paris. Emil@texte-tendenzen.de

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Centre d'art contemporain Frankreich Chamarande
Galleria civica d'arte moderna Italien Modena
Kunsthalle Fridericianum Deutschland Kassel
Royal Academy of Arts - GSK Contemporary Vereinigtes Königreich London
Künstler/innen
Cyprien Gaillard
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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