Sommerakademie im Zentrum Paul Klee Bern

Oscar Tuazon · abgetaucht, 2008, Ausstellungsort als Loch, Sommerakademie 2008, Zentrum Paul Klee, Bern.Foto: Clementine Deliss

Oscar Tuazon · abgetaucht, 2008, Ausstellungsort als Loch, Sommerakademie 2008, Zentrum Paul Klee, Bern.Foto: Clementine Deliss

Sommerakademie 2008, Zentrum Paul Klee, Bern. Heather & Ivan Moss, Untitled, Palisade aus frischem Holz aus der Gegend; Philippe Wolputte, Profound Fascination, 2008, Skulptur; Robert Stark, Belt, 2008, Rampe.Foto: Clementine Deliss

Sommerakademie 2008, Zentrum Paul Klee, Bern. Heather & Ivan Moss, Untitled, Palisade aus frischem Holz aus der Gegend; Philippe Wolputte, Profound Fascination, 2008, Skulptur; Robert Stark, Belt, 2008, Rampe.Foto: Clementine Deliss

Fokus

«Orientalismus» ist das Leitmotiv der nächsten, der 4. Sommerakademie 2009. Angestrebt wird dabei ein intensiverer Austausch mit den Hochschulen der Künste in der Schweiz. Perspektiven - und ein Rückblick auf die letzte Akademie, deren weit gefasstes Thema «abgetaucht» lautete.?

Sommerakademie im Zentrum Paul Klee Bern

Intensivseminar international vernetzt

August 2008: In verschiedenen Berner Galerien präsentieren Kunststudierende der Hochschule der Künste Bern HKB ihre Diplomarbeiten. Zur gleichen Zeit arbeiten und diskutieren die Teilnehmer der 3. Sommerakademie im Zentrum Paul Klee Bern ZPK. Thema: «A Lowercase Condition of Humanity», ein ?Vortrag von Martin Kimani, Krisen- und Konfliktforscher aus Nairobi. Kimani untersucht im Rahmen des diesjährigen Akademiethemas «abgetaucht» die Auswirkungen von Kriegen und Genoziden der jüngsten Vergangenheit auf die museologische Aufarbeitung. Massengräber, so Kimani, oder etwa in Denkmäler des Genozids umfunktionierte Kirchen würden Fragen zur adäquaten Darlegung eigentlich nicht darstellbarer Gräuel und zur Erinnerung an den Tod aufwerfen.

Synergien sind ausbaubar
Sommerakademie im ZPK und Diplomausstellung der HKB: Es läge auf der Hand, dass beide Ereignisse sich verschränken würden, was bisher nicht im möglichen Mass der Fall war, zumal die Sommerakademie in die Ferienzeit fällt. Beide Angebote haben nämlich vergleichbare Zielsetzungen: Es geht um die Erforschung der Gegenwart und um die Beschäftigung mit Kunst und Gesellschaft, es geht um Aktualität. Und es geht um einen transdisziplinären Kunstbegriff, der im Zeichen der spartenübergreifenden Arbeitsweise die Grenzen der verschiedenen Medien, aber auch von Theorie und Praxis sprengt.
Hans Rudolf Reust, Leiter des Studienganges Kunst an der HKB, sieht diese Synergien durchaus: «Die Sommerakademie ist ein Instrument, das unbürokratisch und frei in ihrem Konzept Haltungen der Kunst zum Ausdruck bringen kann», sagt er. Und er betont, dass ironischerweise Sommerakademien eine Art «Gegenkonzept zur drohenden Akademisierung der staatlichen Institutionen» geworden - und gerade als Ort der Begegnung zwischen jungen, international tätigen Kunstschaffenden und Studierenden eine grosse Chance seien. Jacqueline Burckhardt, Direktorin der Sommerakademie, wünscht sich ebenfalls eine engere Kooperation mit den Kunsthochschulen, jedoch - «weil das zu schwerfällig wäre» - nicht so sehr im Programmbereich als vielmehr in Form eines breit angelegten, zeitlich klar konturierten Angebots für informelle Kontakte, welche die Studierenden vermehrt nutzen könnten.
Informell und kommunikativ: Das entspricht dem Konzept der Sommerakademie im ZPK, einer Stiftung der Berner Kantonalbank mit einem Kapital von drei Millionen Franken. Die Sommerakademie im ZPK, 2006 erstmals durchgeführt, lädt jeweils im August junge, internationale Künstlerinnen und Künstler ein, die meisten Absolventen von Akademien und Kunsthochschulen. Auf dem Programm stehen der Aufbau einer Ausstellung und Veranstaltungen, die dank ausgewählter Dozenten, Kuratoren und Kritiker ein zehntägiges, themengebundenes Intensivseminar ergeben. Gäste der diesjährigen Akademie waren etwa Christoph Büchel, Giovanni Carmine, Philippe Pirotte oder Joe Scanlan. Eine Gastkuratorin oder ein Gastkurator setzt das Thema, das sich im weitesten Sinn am Programm des ZPK orientiert. Das Thema für die nächste Sommerakademie ist bereits formuliert. Es lautet «Orientalismus», wird aber nicht die westlich-romantisierende Perspektive einnehmen. Dafür steht Gastkurator Tirdad Zolghadr, 1973 als iranisch-amerikanischer Doppelbürger in San Francisco geboren, der seit 1979 in der Schweiz lebt.

Kunst unter der Erde

Wie erwähnt: «abgetaucht» hiess das Thema der diesjährigen Sommerakademie, formuliert vom Gastkuratorenteam Clémentine Deliss und Oscar Tuazon, die sich dabei auf alternative Lebensformen im Sinne des Utopisten und «Walden»-Autors Henry David Thoreau bezogen. Der Ausstellungsort in der parkähnlichen Umgebung des ZPK war denn auch wirklich «abgetaucht», einen Meter in die Erde eingegraben, eine Art Zufluchtsort, mit seinen drei Meter hohen Wänden aus Baumstämmen eine Art «Kunst-Fort». Darin fanden sich unter den elf eingeladenen Positionen die Installationen von Philippe Van Wolputte (*1982 Belgien) und Charlie Tweed (*1974 Grossbritannien ), die sich beide mit einem möglichen und imaginierten Leben unter der Erde beschäftigten, einem Leben, das sich in den Gängen, Kanälen und Kavernen unter den Städten ebenso abspielen könnte wie in Bunkern und Zivilschutzzentren. Alexej Koschkarow (*1972 Belaruss) tauchte mit einem fiktiven Grab einer fiktiven «Urrkuh» aus der Gegenwart in die Vergangenheit ab.
«abgetaucht» öffnete auf engem Raum ein weites Feld. Es umfasste die nomadische Recherche von Michael Höpfner (*1972 Österreich) ebenso wie das Abspacen von Aaron Flint Jamison (*1979 USA) in Sphären von Weltkommunikation und Radarstörungen. So bot «abgetaucht» ein höchst anspruchsvolles Programm, ein Setting voller Möglichkeiten und voller Assoziationen, die sich zwischen Furcht, formaler Ortsgebundenheit und Utopie hin- und herbewegen konnten.
Und ein Programm im Übrigen, das den Bezug zumindest zur HKB bereits praktizierte: Mit Pamela Rosenkranz (*1979 Zürich) war eine Künstlerin vertreten, die an der HKB abgeschlossen hat, mit Martina Becker vom Organisationsteam eine ehemalige Studentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern, die zugleich Kurse an der HKB belegt hat. Das zeigt: Für Kooperationen und Vernetzungen gibt es in der Zukunft ein Potenzial, das es durch vermehrten Informationsaustausch noch auszuschöpfen gilt.

Konrad Tobler, Autor und Kunstkritiker, Bern. kultur@konradtobler.ch

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