«Deadline»

Felix Gonzalez Torres · Untitled (Leaves of Grass), 1993, Lichtgirlande mit Porzellansteckdosen, variable Grössen. Collection Eileen & Michael Cohen

Felix Gonzalez Torres · Untitled (Leaves of Grass), 1993, Lichtgirlande mit Porzellansteckdosen, variable Grössen. Collection Eileen & Michael Cohen

Besprechung

Was ist zu sehen, mit dem Ende vor Augen? Mit einem irreführenden Titel aus dem journalistischen Jargon zeigt das Musée d'art moderne de la ville de Paris Werke von zwölf internationalen Künstlern, geschaffen in ihrem letzten Lebensjahr. Ein Bilderreigen zwischen Angst, Wut, Ironie und Abklärung.

«Deadline»

Werke schaffen für die Nachwelt - ein Thema, das heute kaum noch verfängt. Vieles entsteht für die «Deadline», den letzte Abgabetermin im Medienzirkus, und wird dann vergessen. Immer grösser die Notwendigkeit neuer Bilder, immer gieriger schnappt das Auge nach wiedererkennbaren Zeichen unaufhaltsamen Lebens. Gut, wenn in diesem Strom Stolpersteine zum Festhalten liegen. Zwanzig Jahre nach «Das letzte Werk» in der Maeght-Stiftung an der Côte d'Azur versammelt nun das Pariser Museum für moderne Kunst das bildnerische Werk von zwölf Künstlern, die den Tod kommen sahen. Der Medien-Anglizismus «Deadline» verwirrt, man erwartet Bilder zum Thema Alltag und Gegenwart. Auch hält das Thema einige Fallen zwischen Kitsch, Weinerlichkeit und Religiosität bereit. Der Rundgang bietet Bildermachen als ironischen Prozess zwischen Fortdauer und Schluss.
Martin Kippenbergers Flirt mit dem Tod tritt in seinen 96er-Leinwänden noch einmal mit aller Wucht selbstironischen Spotts auf, findet zu einer intensiven Qualität, wie man sie im Spätwerk des gerade im Obergeschoss gezeigten Albert Oehlen vermisst. «Bis vor Kurzem», sagt Direktor Fabrice Hergott, «bevorzugte man das jugendliche Werk, den Aufbruch von Künstlern.» Mit Aids und moderner Medizin wurde der Tod vorhersehbarer. Man sieht ihn langsam nahen - und bäumt sich auf. Wie Absalon: 1964 in Israel geboren, gab er nach der Aids-Diagnose seinen Forschungen am «Raum für sich selbst» mit wütenden Videos eine neue, letzte Wende. Der nahende Tod lässt freilich auch zurücksinken. Hans Hartungs Leinwände, Ausgangspunkt für die gesamte Ausstellung, erheben die lyrische Abstraktion, die in den Spätwerken oft im Manierismus erstarrte, zur Vanitas-Erfahrung. Auch James Lee Byars' vergoldete Grüfte vermitteln eine Nichtigkeit, die in Felix Gonzalez-Torres' Fotografien von Vogelschwärmen zum allegorischen Höhepunkt findet. Malte Joan Mitchell bis zum letzte Moment mit ausholender Geste, so hörte Willem de Kooning schon 1990 zu malen auf. Sieben Jahre vor seinem Tod fand er zu pastoraler Ruhe und erreichte mit pastelligen Bildern abstrakt-expressionistische Vollkommenheit: Jeder Pinselhieb ein Monument. Auch ein distanziert-burlesker Immendorff und ein buddhistisch-gelassener Chen Zhen markieren die Pole, zwischen denen die Ausstellung pendelt: Denkmal und Ausblick. Totengräber und Augure sind Hauptberufe aller Bildermacher. In Paris können wir ihnen ein Stück weit auf ihrem letzten Gang folgen.

Bis 
09.01.2010

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