Olaf Nicolai, «Mirador»

Olaf Nicolai · o.T. (Wave) III, 2009, Fotografie. Courtesy Galerie Eigen + Art, Leipzig/Berlin. © ProLitteris, Zürich

Olaf Nicolai · o.T. (Wave) III, 2009, Fotografie. Courtesy Galerie Eigen + Art, Leipzig/Berlin. © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Das Kunstmuseum Thurgau zeigt neue installative Arbeiten des deutschen Konzeptkünstlers Olaf Nicolai. Angeregt durch den Ausstellungsort in der Kartause Ittingen entstanden Werke, die sich kühl und reflektiert mit Einsiedlertum, modularer Architektur, Mythos und Überhöhung auseinandersetzen.

Olaf Nicolai, «Mirador»

Fünf Fotografien zeigen den Blick aus einer dunklen Höhle in eine Landschaft. Sie scheinen identisch zu sein, lediglich die Wellen des fern liegenden Meeres unterscheiden sich, zeugen von einsamem Warten, Eintönigkeit und Ereignislosigkeit. Gegenüber hängt die grossformatige Fotografie eines südpazifischen Inselberges, auf dem einst ein englischer Freibeuter nach vier Jahren Ausharren aufgefunden wurde. Er lieferte das historische Material für Daniel Defoes «Robinson Crusoe». Nicolai unternahm eine mehrtägige Reise, um von der Insel eine Fotografie aufnehmen zu lassen, von der er lediglich einen Abzug anfertigen und das Negativ bei einem Notar verwahren liess. Der vermeintlichen fünffachen fotografischen Reproduktion zu Beginn steht demnach ein «erzwungenes» Unikat gegenüber.
Der Künstler will unser Denken ansprechen und unsere Fähigkeit, Bezüge herzustellen. Nur so eröffnet sich die Ausstellung, deren Werke grösstenteils abweisend kühl erscheinen. Die Wände des Raumes sind durch einen Farbanstrich liniert, der dem modularen System eines Glaselements entspricht, das Le Corbusier im Kloster St. Marie de la Tourette anbrachte. Denn beide, Architekt und Künstler, fesselte jene mönchische Architektur, die sich durch eine auf den Menschen bezogene Funktionalität auszeichnet. Ein silberfarbener Abguss eines rätselhaften Steines auf güldener Steppdecke ergänzt Nicolais Hommage an den grossen Baumeister.
Im Nebenraum entführt Nicolai in die fiktive Biografie des griechischen Bauern Alexis Rodakis, der autodidaktisch um 1880 ein Haus erbaute, das als moderne Architektur avant la lettre gilt. Mit Detailaufnahmen und schweifenden Blicken in die Landschaft verleiht er dem schön gelegenen, halb verfallenen Gebäude eine poetische Anmutung. Zwischen den Bildern und den durch sie ausgelösten Gedanken entsteht eine Verbindung. Auch mit der Installation eines Scheinwerfers, der sich dank drei Motoren bewegt, als sei er lebendig, gelingt Nicolai - stärker als bei den übrigen Arbeiten - der unmittelbare Kontakt zwischen Werk und Betrachter. Nicolai vermeidet direkte Berührungen. Er stellt von den Aquarellbildern, die er mit seinem Atem malte, lediglich Fotografien aus.
Aufgrund der Distanz und der vielfachen Bezüge, die häufig vom eigentlichen Werk­objekt wegführen, sperren sich Nicolais Arbeiten einer unmittelbaren Rezep­tion. Sie sind Denkanstösse, die sich erst hinterher entfalten.

Bis 
10.04.2010

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