Sabine Weiss - Die Unschuld der Fotografie

Sabine Weiss · Françoise Sagan, Paris, 1954, Schwarzweissfotografie

Sabine Weiss · Françoise Sagan, Paris, 1954, Schwarzweissfotografie

Sabine Weiss · André Breton chez lui, Paris, 1956, Schwarzweissfotografie

Sabine Weiss · André Breton chez lui, Paris, 1956, Schwarzweissfotografie

Besprechung

Die grosse Retrospektive der Vertreterin «humanistischer Fotografie» reist aus dem Jeu de Paume nach Kriens. Ein Heimweg: Sabine Weiss wurde in der Nähe von Genf geboren. Verschmitzter Blick auf die Welt, zupackender Mut - so zeigt sie ihre erste Selbstporträt-Serie mit 13. Das sollte ihr Bildcharakter bleiben.

Sabine Weiss - Die Unschuld der Fotografie

«Ich mag die Sonne nicht, da bin ich wie viele Fotografen», erwidert Sabine Weiss (*1924, Saint-Gingolph bei Genf) auf die Frage nach ihrer Berühmtheit und lächelt. Mit 92 müsse sie sich nicht mehr mit Zuweisungen aufhalten, fährt sie fort, «Humanismus ist nur ein Aspekt meiner Fotografie, nicht einmal der wichtigste. Ich wollte immer den flüchtigen Moment festhalten.»
In ihrer Atelierwohnung in einem Hinterhaus des 16. Arrondissement hängen bis unter die Decke kleine Körperteile, Beine, Arme, immer wieder Augen - aus Blech geformt, als Exvoto. Ist der Anklang zum Foto bloss Zufall? Ihre Bilder aus dem Paris der fünfziger und sechziger Jahre haben eine Ladung, eine physische Nähe, der des Exvoto nicht fern. Mit ihrem Mann, dem symbolistischen Maler Hugh Weiss, zog sie 1949 in die Atelierwohnung ein, der Malerei sei sie immer nah geblieben: «Ich schaue nie Fotografien an, sammle keine Fotos, kenne keine Fotografen», sagt sie verschmitzt. Aus Genf mit 22 «wegen Liebesdingen» geflohen, begann ihre über siebzigjährige Karriere 1946 in Paris im Atelier von Willy Maywald. Von Robert Doisneau gefördert, erhält sie Zugang zu grossen Magazinen und Galerien. Dann habe sie «alles gemacht: Mode, in Museen Bilder fotografiert oder sogar in Leichenschauhäusern letzte Porträts». Beeindruckend sind ihre Künstlerporträts von Niki de Saint Phalle, Kees van Dongen oder André Breton.
Das für humanistische Fotografie so typische Helldunkel scheint den Charakter offenzulegen. Wie ihr das gelang, verrät sie nicht - nur so viel: «Künstler sind auch nur Menschen, die sich gern im Bild ansehen.» Berühmt machte sie, was sie «in der Freizeit» schoss: schmutzige Kinder auf der Strasse, ein rennender Mann im Schein einer Laterne, Liebespaare an der Place de la République. Ihre Paris-Ansichten haben das Bildbewusstsein der Stadt geprägt wie die von Willy Ronis, Robert Doisneau, Henri Cartier Bresson. Die Ausstellung zeigt neben bekanntem auch viel neues Material aus ihrem überbordenden Archiv. Für dessen Aufbewahrung interessiere man sich in der Schweiz. Wer, könne sie noch nicht sagen, «aber es war nicht Winterthur».
Gefragt, was heute anders sei, antwortet sie: «Das Bewusstsein vom Bild. Die Menschen haben die Unschuld gegenüber der Fotografie verloren.» Den Blick in die Zeit fotografischer Unschuld erlaubt nun das Museum im Bellpark.

Bis 
05.03.2017
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Sabine Weiss 19.11.201619.03.2017 Ausstellung Kriens
Schweiz
CH
Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Sabine Weiss

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