Kunst und Bau - Konzept am Bau

Navid Tschopp · Topologische Agenda - Der Weg zum Master, 2010, Magnete auf der Stahlfassade des Kehrichtheizkraftwerks Josefstrasse, Zürich. Foto: Gunnar Meier

Fokus

Die Konzeptkunst war gegen Kunst als Objekt. Was würde sie heute zum Thema Kunst als Bauobjekt sagen? Einige Fallbeispiele aus Zürich zeigen mögliche Perspektiven auf. Der Beitrag ist Teil einer Serie, die aktuellen Fragen zu Kunst in öffentlichen und halböffentlichen Räumen nachgeht.

Kunst und Bau - Konzept am Bau

Die Renaissance der Kunst am Bau ist schon wieder vorbei. Es war aber ja auch gar keine Renaissance. Sondern eine Resistance: Navid Tschopp schrieb «Resistance» an die Zürcher Version eines Nagelhauses an der Turbinenstrasse in Zürich-West - in der gleichen Schrift, in der am Mobimo-Tower gleich dahinter zynisch «Renaissance» steht. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben rund acht Jahre Widerstand geleistet, bevor ihr Haus einer Zufahrtstrasse wich - die nun auf Google Maps das noch geisterhaft vorhandene Haus penetriert. Damit ist auch die inoffizielle Kunst am Bau von Navid Tschopp zerkrümelt. Tschopp hat aber auch schon widerstandsfähigere Arbeiten realisiert: Für ‹Topologische Agenda› hat er quasi parakünstlerisch Küchenmagnete an einer Stahlfassade der Kehrichtheizkraftwerks Josefstrasse hochgeworfen - und das Werk dann durch eine Schenkung als Kunst am Bau offizialisiert.
Roland Roos hat den Auftrag und das dafür vorgesehene Budget der Zürcher Genossenschaft Wogeno für ein Kunstwerk am Bau dafür genutzt, eine Wohnung im Seefeld anzumieten, die er Bewohner/innen von Genossenschaftswohnungen zur Verfügung stellte. Vreni Spieser hat für ‹Legend of the Things› Dinge von einer Reise nach Argentinien und auf die Philippinen in ein Altersheim in Zug zurückgeschickt und ist so ebenfalls aus dem Kunst-und-Bau-Raster ausgebrochen. Und George Steinmanns Kunstbeitrag zu einem Neubau der ARA Region Bern bestand darin, dass er Engadiner Quellwasser in Gips, Beton und Farbe mischte - zu Kunst im Bau. Dass gerade die Performance-Künstlerin Katja Schenker in den FNHW-Campus in Muttenz eine ihrer bohrkernartigen Nougat-Säulen einbaut, ist vielleicht die monumentale Ausnahme zur ephemeren Kunst-am-Bau-Regel.
Navid Tschopps ‹Resistance› wurde verkrümelt, Sol Lewitts Backsteinwürfel verschlug es nach vielen Kontroversen nach Uster, und der orange Brunnen ‹Sirius› von Annemie Fontana wurde unlängst vom Escher-Wyss-Platz Zürich - wo das Ersatznagelhaus von Thomas Demand hätte stehen sollen, wäre es nicht abgelehnt worden - vors Hallenstadion raus disloziert. Wenn Konzeptkunst die trotzige Antwort war auf die wachsende Kapitalisierung des Kunstobjekts, dann ist die aktuelle Kunst am Bau und im öffentlichen Raum eine ähnliche Reaktion auf den steigenden ökonomischen Druck, der Kunstwerke und Ateliers an den Stadtrand drückt oder gar zerkrümelt.
Daniel Morgenthaler (*1978) ist Kurator am Helmhaus Zürich und freier Autor. dani_moergi@hotmail.com

Bis 
09.12.2017

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