Never Ending Stories - Zirkuläre Narrative

William Kentridge · Small Atlas Procession, 2000, Gruppe von 3 Radierungen auf Papier (jedes auf einer Seite aus Stielers Hand-Atlas, Gotha: Justus Perthes, 1906), Motiv: je 43,6x35,5 cm; Blatt: je 53x45,3 cm ©Goodman Gallery Johannesburg and Cape Town

William Kentridge · Small Atlas Procession, 2000, Gruppe von 3 Radierungen auf Papier (jedes auf einer Seite aus Stielers Hand-Atlas, Gotha: Justus Perthes, 1906), Motiv: je 43,6x35,5 cm; Blatt: je 53x45,3 cm ©Goodman Gallery Johannesburg and Cape Town

Besprechung

Panta rhei oder niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Die ewige Wiederkunft des Gleichen (Nietzsche) beschäftigt die Menschheit mindestens seit der Antike. In den letzten vierzig Jahren aber gewinnt die Wiederholung dank technischem Fortschritt eine neue Qualität.

Never Ending Stories - Zirkuläre Narrative

Kunst, Film, Architektur, Musik, Literatur und Kulturgeschichte erzählen ‹Never Ending Stories›, so der Titel einer, fast möchte man sagen, enzyklopädischen Ausstellung zum Thema Loop. Auf einem Parcours wird man durch 14 Kapitel geleitet, die bspw. «Eros in der Endlosschleife», «Mensch und Maschine im Kreisverkehr», «Architektur ohne Ende», «Politik: Zwischen Themenkarussell und Teufelskreis» heissen, und versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Bei einer derartigen Fülle an Fragestellungen fällt jedem zu jeder Arbeit eine weitere ein, die fehlt. Oder die nicht hineingehört. Dabei lässt der konzeptuell fokussierte Blick manches Werk profilierter erscheinen, so Omer Fasts ‹Continuity›, das jetzt ganz klar die Endlosschleife eines Traumas ist: Der Sohn ist nicht mehr aus Afghanistan heimgekehrt, und so wird die gleiche, aber eben nicht identische Wiedersehensszene mit unterschiedlichen Darstellern wiederholt. Nedko Solakov macht das Happy End zum Albtraum: ‹...and they lived happily ever after›, bis König und Königin sich anöden, ad infinitum.

Hat Gertrude Stein mit «Rose is a rose is a rose...» das Schwungrad der Moderne angestossen, läuft Robert Bartas Spielzeuglok auf einem gegenläufig rotierenden Gleisrad gegen die Zeit an und kommt nicht vom Fleck, kreiert Markus Raetz auf Basis seiner Untersuchungen zum Möbiusband ‹Endlose Musik›, dazu angetan, sich wie ein Wurm ins Ohr möglicher Hörer zu bohren, und demonstriert der «Kuss» von Marina Abramović und Ulay die energetischen Grenzen eines geschlossenen Kreislaufs: Ein- und Ausatmen in den Mund des anderen ohne Sauerstoffzufuhr, bis das System kollabiert bzw. alles wieder von vorne beginnt. Ein «impossible object» ist die von Lionel und Roger Penrose entworfene Treppe, die den unendlichen, aber darum unmöglichen Fortschritt demonstriert und einen Zeichner wie M.C. Escher beeinflusst hat.
Kreislaufdenken, wie es in anderen Ontologien gängig ist und bis zum Industriezeitalter auch unsere Sicht auf die Welt prägte, werden vom Ouroboros der Antike symbolisiert: Eine Schlange beisst sich in den eigenen Schwanz. Dass es dafür offenbar ein reales Vorbild gibt, sieht man im Raum zum Thema Verdauung. Eine Schlange, die unter Wärmestress leidet, frisst sich selbst auf. Keine künstlerische Arbeit, sondern ein millionenfach geteiltes YouTube-Video (Username: Rob Mott), ist es dennoch das vielleicht stärkste Bild der Ausstellung und Sinnbild für unsere im Wiederholungsmodus festgefressene, heiss gelaufene Welt.

Bis 
18.02.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Never Ending Stories 29.10.201704.03.2018 Ausstellung Wolfsburg
Deutschland
DE
Autor/innen
Miriam Wiesel

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