Beat Schweizer

Beat Schweizer · Teriberka, Russland, März 2012

Beat Schweizer · Teriberka, Russland, März 2012

Beat Schweizer · Norilsk, Russland, 2017

Beat Schweizer · Norilsk, Russland, 2017

Hinweis

Beat Schweizer

Winterthur — Wahrscheinlich ist es kalt – sehr kalt. Eisiger Wind pfeift zwischen den verschneiten Häusern dünn besiedelter Dörfer und Städte hindurch. Lange Nächte, kurze Tage. Warme Jacken, kalter Wodka. So oder so ähnlich malen wir uns das Leben in Nordrussland aus. Doch vorstellen können wir es uns kaum. Wie gestaltet sich der Alltag an einem Ort, an dem die Temperaturen bis auf –60 Grad fallen, die Sonne bis zu 82 Tage im Jahr unter dem Horizont bleibt und der geografisch so abgelegen ist, dass er beinah in Vergessenheit gerät? Im Langzeitprojekt ‹Anzeichen der Verlässlichkeit›, 2012–2018, das noch bis Ende Dezember in der Coalmine zu sehen ist, dokumentiert der Fotograf Beat Schweizer (*1982, lebt in Bern) das Leben in drei nordrussischen Städten und ruft deren Existenz in unsere Erinnerung. Die Serie begann mit einer Reise nach Teriberka, einem Dorf, das sich nördlich des Polarkreises auf der Halbinsel Kola befindet. Der Niedergang der Fischerei führte im Verlauf der letzten Jahrzehnte zum Rückgang der Bevölkerung; während in den Sechzigerjahren rund 5000 Personen in Teriberka lebten, sind es heute nur noch 900. Die daraus entstehende Vorstellung von Einsamkeit und Trostlosigkeit schwingt in Beat Schweizers Fotografien mit: Er dokumentiert den Alltag des Dorfheizers Wladimir Wladimirowitsch, der in einer zwölfstündigen Nachtschicht mit einer Schubkarre die ausglühende Kohle der Fernwärmezentrale auf die Strasse leert. Nach beendeter Arbeit sitzt er am Tisch, schaut etwas abwesend in den flimmernden Fernseher, zieht an seiner Zigarette, fährt mit dem Daumen durch seinen dichten Schnurrbart. Was bewegt einen Mann wie Wladimirowitsch, an einem solchen Ort zu leben?, lautet die unausweichliche Frage. Und weiter: Hat Einsamkeit für Protagonist/innen und Betrachter/innen die gleiche Bedeutung? Nach Teriberka folgte ein Jahr später die Reise nach Dikson und 2018 dann diejenige nach Norilsk; mit 750’000 Bewohner/innen ist letztere die nördlichste Grossstadt der Welt. Auch aus diesen zwei Städten führt uns Beat Schweizer völlig fremde Szenarien vor Augen: Ein Mann grillt Schaschlik-Spiesse im Schneesturm, zwei Buben wärmen sich am austretendem Dampf einer Fernwärmeleitung. Verstehen wir dieses Leben überhaupt? Oder neigen wir dazu, es nach unseren eigenen, stereotypen Vorstellungen zu bewerten? Verkennen wir den Mut der Protagonistinnen und Protagonisten, die ungewöhnlichen Lebensumstände zu bewältigen, indem wir uns auf die Allgemeingültigkeit unserer Werte und Normen verlassen?

Bis 
21.12.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Anzeichen der Verlässlichkeit 19.10.201821.12.2018 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Beat Schweizer

Werbung