Heidi Bucher

Heidi Bucher · Installationsansicht, Parasol Unit, London, 2018. Foto: Benjamin Westoby

Heidi Bucher · Installationsansicht, Parasol Unit, London, 2018. Foto: Benjamin Westoby

Heidi Bucher · Die Quelle, 1987, Vase, Metall, Textil, Kasein, Farbe, 350 x 1500 cm, Parasol Unit, London, 2018. Foto: Benjamin Westoby

Heidi Bucher · Die Quelle, 1987, Vase, Metall, Textil, Kasein, Farbe, 350 x 1500 cm, Parasol Unit, London, 2018. Foto: Benjamin Westoby

Hinweis

Heidi Bucher

London — Nach dem Tod von Heidi Bucher (1926–1993) wurde es vorerst ruhig um die in Winterthur geborenen Künstlerin. 2004 würdigte das Migros Museum für Gegenwartskunst sie dann mit einer Retrospektive. Mittlerweile touren ihre Werke um die Welt, etwa nach Venedig an die vergangene Biennale, demnächst zum wiederholten Mal nach New York sowie permanent ins neu eröffnende Privatmuseum Muzeum Susch im Engadin. Die Londoner Parasol Unit versammelt aktuell eine Auswahl von den faszinierenden, in Perlmuttpigment schillernden, zwischen Vertrautheit und Unheimlichkeit oszillierenden Werken ihrer letzten zwei Dekaden. Da sind zunächst die ‹Hauträume›. Um deren irritierende Ambivalenz zwischen zwei- und dreidimensionalem Objekt und zwischen Innen und Aussen umfänglich erfahrbar zu machen, wäre eine Hängung mit mehr Abstand zur Wand lohnenswert gewesen. Eine aufschlussreiche Ergänzung sind die in einem Nebenraum laufenden Filmausschnitte, die den Entstehungsprozess dokumentieren und mystifizieren. Dieser erforderte den vollen körperlichen Kraftaufwand der Künstlerin. Mit Stoff und Latex «balsamierte» sie 1988 das Glasportal der Bellevue-Klinik Kreuzlingen ein. Auf die zähe Ablösung folgt eine skurril anmutende und zugleich berührende Zeremonie, in der Bucher unter der Textilmasse verschwindet, die sie anschliessend als überdimensionalen Schleier einen Gang entlangzieht. Angesichts ihres Spiels mit Stoff und Raum als Haut und Hülle erstaunt nicht, dass sie sich für Gottfried Sempers «Bekleidungstheorie» und generell für Architekturgeschichte interessierte. Obwohl die Abzüge die Räume im 1:1-Format wiedergeben, unterscheiden sie sich durch ihre fragile, fliessende, teilweise lichtdurchlässige Beschaffenheit stark von den zugrundeliegenden Bauten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Letztere wurden ebenfalls transformiert, sie waren nach der «Häutung» um einige Farbpigmente und Stückchen des Verputzes ärmer. Diese physische Veränderung lässt sich auf patriarchale, wertkonservative Strukturen übertragen, deren Wandel Heidi Bucher über die Aneignung einforderte. Aufgrund von Parallelen zu ihrem Leben, bildlichen Motiven und Zeitbedingtheiten mögen biografische, psychoanalytische oder feministische Lesarten verlocken. Doch sie scheinen dem Werk, das sich universaler gibt, nicht gänzlich gerecht zu werden. Überhaupt entwischen diese Kunstwerke gerne der Fassbarkeit. «Einbalsamierte» Kleidungsstücke und Haushaltstextilien, deren Kombinationen zum Tableau sowie Frottagen verkomplizieren die künstlerische Praxis. Ein poetisches Sinnbild hierfür hat Heidi Bucher selbst geschaffen: Aus einer gekippten Vase fliesst Wasser, das diese oben hält, am Boden aber unaufhaltsam entrinnt.

Bis 
09.12.2018
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Parasol Unit Vereinigtes Königreich London
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Heidi Bucher 29.10.201809.12.2018 Ausstellung London
Vereinigtes Königreich
GB
Künstler/innen
Heidi Bucher
Autor/innen
Irène Unholz

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