Julian Sartorius — ‹Thun Thun Thun›

Julian Sartorius bei Aufnahmen in Thun, 2018, Courtesy Kunstmuseum Thun

Julian Sartorius bei Aufnahmen in Thun, 2018, Courtesy Kunstmuseum Thun

Julian Sartorius bei Aufnahmen in Thun, 2018, Filmstill, Videoproduktion: David Röthlisberger

Julian Sartorius bei Aufnahmen in Thun, 2018, Filmstill, Videoproduktion: David Röthlisberger

Besprechung

Das Kunstmuseum Thun beschenkt sich und die Stadt – anlässlich seines Jubiläums – mit einem Klangwerk von Julian Sartorius. Dieses lädt zum akustischen Rundgang, auf dem der Künstler und Schlagzeuger an neun Plätzen alltäglichen Oberflächen Klänge entlockt und zu rhythmischen Tracks arrangiert.

Julian Sartorius — ‹Thun Thun Thun›

Thun — ‹Thun Thun Thun›, dieser onomatopoetische Titel erfasst Julian Sartorius’ (*1981) Rundgang mit Drumsticks durch seine Heimatstadt treffend. Mit einem Smartphone kann dem Parcours selbständig gefolgt werden, wobei am bespielten Ort ein rund dreiminütiger Track erklingt. Zu Beginn, vor dem Museum beim Thunerhof, lotet er den Klang aus, vom Geländer bis zum Kies. Dem Aareufer entlang zur unansehnlichen Unterführung an der Sinnebrücke. Dort entlockt Sartorius einer Lüftung Klänge, die gar an ein Xylophon erinnern. Über weitere Stationen hinauf zum Schloss erreicht man nach einer Stunde erneut den Thunerhof, wo als Abschluss eine Gitterbank zum Resonanzkörper wird. Sartorius, professioneller Schlagzeuger, Experimentalmusiker und Kunstschaffender, ist ein Grenzgänger, wobei die Selbstdefinition eher den Schreibenden und verwirrte Kunstkommissionen umtreiben. Er versteht Musik sehr visuell und schafft regelmässig Produktionen, die eigentliche Versuchsanordnungen darstellen: So rollen im Video ‹Cymbal Solo› Becken durch einen Fabrikraum oder in der Dreikanal-Videoinstallation ‹Schläft ein Lied in allen Dingen› wird die Stadt Bern «abgeklopft»: Drei unterschiedliche Ton- und Bildspuren überlagern sich vielstimmig und ergeben ein Zusammenspiel mit sich selbst. In Thun bildet eine akribische Suche nach Oberflächen mit besonderer Akustik die Grundlage für die Rhythmen – Sartorius ist mehr als nur ein Forscher. Mit binauralen Mikrofonen aufgenommen, hören wir genau, was der Musiker wahrnimmt. Dies zeichnet den Rundgang aus und lässt ein strapaziertes Wort wie «immersiv» zu. Der Rundgang birgt eine Dramaturgie, die auch hörbar wird, wenn man die Tracks mit dem Code im begleitenden Katalog herunterlädt. Dieser bildet die bespielten Oberflächen als Frottagen in Originalgrösse ab und zeigt so in Schwarzweiss deren Qualitäten, wie die Geometrien verschiedener Gitter oder Ornamente. Ausserdem helfen die enthaltenen Bezeichnungen wie «Gully» oder «Geländer» beim Entschlüsseln, was welchen Ton erzeugen mag. Mit Sartorius hat das Museum einen Musiker und Künstler eingeladen, der auszog und international Erfolge feiert, und es knüpft zugleich an eine zentrale Frage der gelungenen Ausstellung zum 70-Jahr-Jubiläum an: Welche Rolle hat ein städtisches Kunstmuseum gegenwärtig? Mit dem Rundgang, der weiterhin zu hören ist, gelingt es zudem, eine nachhaltige Verbindung zur Stadt zu schaffen, die  Interessierte Unbeachtetes neu erleben lässt.

Autor/innen
Adrian Dürrwang
Künstler/innen
Julian Sartorius

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