Passageways — Labyrinthische Laufstege

Passageways: On Fashion’s Runway, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansicht, Foto: Irène Unholz

Passageways: On Fashion’s Runway, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansicht, Foto: Irène Unholz

Passageways: On Fashion’s Runway, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansicht, Kleidungsstücke v.l.n.r. Courtesy Collection Walter Van Beirendonck, Victor&Rolf. Foto: Irène Unholz

Passageways: On Fashion’s Runway, Kunsthalle Bern, 2018, Installationsansicht, Kleidungsstücke v.l.n.r. Courtesy Collection Walter Van Beirendonck, Victor&Rolf. Foto: Irène Unholz

Besprechung

Das Untergeschoss der Kunsthalle Bern beherbergt einen Laufsteg, der es in sich hat. Wunderbar verlieren kann man sich in rund dreissig Videos von Modeschauen. Mit lauten Beats verwandeln sie die Räume in einen Partykeller, in dem Körper, Kommerz und spektakuläre Inszenierung aufeinandertreffen.

Passageways — Labyrinthische Laufstege

Bern — Models, die ausdruckslos den Catwalk abschreiten, sind die Ausnahme. Stattdessen präsentieren sie sich wild tanzend oder das Gesicht hinter Gasmasken versteckt. Sie bekochen das Publikum oder treiben im Fluss. Sie steigen auf Zirkuspodeste und posieren umgeben von Kunstwerken. Wenn ein Model horizontal gekippt und ein Bein hochgestellt in einem mutmasslichen Atelier an Ort und Stelle marschiert, weckt Dorothée Perret Assoziationen zu Bruce Nauman. Bei BLESS mischen sich die Mannequins unbemerkt unter Passant/innen in eine mit Überwachungskamera aufgenommene Schau am Berliner Alexanderplatz. Einzig zwischendurch eingeblendete Beschriftungen, welche die Nummernschilder früher Modevorführungen und Kosmetikprodukte Chanels zitieren, weisen darauf hin, dass gerade Tasche ‹N°4 D› präsentiert wird. So vielfältig die Erscheinungsformen der Défilés auch sind, der Modekurator Matthew Linde stellt ihren Unterbau, den Laufsteg, als szenografische Konstante aus, die allerdings keineswegs gradlinig verläuft. Die Laufstege dienen als Bühnen, auf denen sich Mode immer wieder selbst zitiert und dekonstruiert, sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt, um Zukunftsvisionen zu schaffen. Einer linearen Fortschrittserzählung widersprechen die gezeigten Beispiele. Das illustrieren aus Holzlatten gezimmerte, sich überschneidende Laufstege, die abrupt enden. Sie nehmen Bezug auf Walter Benjamins Passagen-Werk. Auf und zwischen den Balken platziert sind Puppen mit Outfits aus über hundert Jahren Modegeschichte. Dadurch, dass in der Ausstellung selbst keine Reflexionen über die Kunsthalle als Ort angelegt sind, riskiert sie, diese als aussergewöhnlichen Schauplatz für eine Metamodeschau zu stilisieren. Doch abgesehen davon, dass in der für andere Bereiche wesentlich offeneren Kunsthalle auch die Mode Anspruch auf Aufmerksamkeit hätte, handelt ‹Passageways› vordergründig nicht von Fashion, sondern von ihrer Inszenierung. Aus Kleidung wird Mode und aus allen erdenklichen Erzeugnissen wird Kunst, auf dem Laufsteg respektive im White Cube. Eine zentrale Komponente im Prozess solcher Bedeutungszuschreibungen ist das Label. Martin Margiela nähte weisse unbedruckte Etiketten in seine Modekreationen und schuf damit paradoxerweise ein bekanntes Logo. In der Ausstellung ‹Independence› oben im Erdgeschoss multipliziert sich demgegenüber der Name des Künstlers auf den Etiketten käuflicher Plüschbären. Weiter wird der Faden im Shop der Institution gesponnen: Wohl kaum zufällig sind die diesjährigen Kunsthalle-Jubiläumseditionen tragbar. 

Bis 
02.12.2018
Ausstellungen/Newstickerabsteigend sortieren Datum Typ Ort Land
Passageways: On Fashion's Runway 13.10.201802.12.2018 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Künstler/innen
Dorothée Perret
Autor/innen
Irène Unholz

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