Pattern, Decoration & Crime

‹Pattern, Decoration & Crime›, Ausstellungsansicht Mamco Genève. Fotos: Annik Wetter

‹Pattern, Decoration & Crime›, Ausstellungsansicht Mamco Genève. Fotos: Annik Wetter

‹Pattern, Decoration & Crime›, Ausstellungsansicht Mamco Genève. Fotos: Annik Wetter

‹Pattern, Decoration & Crime›, Ausstellungsansicht Mamco Genève. Fotos: Annik Wetter

Hinweis

Pattern, Decoration & Crime

Genf — So verspielt, bunt und süsslich ist es im Mamco vielleicht noch nie zu und her gegangen! Neben der Einzelschau zu Mai-Thu Perret (→ S.56–59) beschäftigt sich das Museum mit der bisher wenig favorisierten Bewegung P&D, die sich in den USA ab den frühen Siebzigerjahren gegen das Strenge, Harte und Trockene des Minimalismus wandte. Durch die Abwandlung des Titels, der nun zusätzlich auf das bahnbrechende Manifest ‹Ornament und Verbrechen› von Adolf Loos verweist, wird deutlich, dass P&D die All-Over-Strukturierung von Flächen und Volumen des Minimalismus nicht wie die wenig jüngere Bewegung Neue Figuration postmodern aufbrach. Als Stilmittel nutzen die Vertreter von P&D das subjektive Verflüssigen sowie Ausschmücken und Verzieren von Formen, geschöpft aus dem Vokabular der Volkskunst und auch aus aussereuropäischen Quellen. Obschon es stark um Provokation ging und mit Robert Kushner und Kim MacConnel auch heterosexuelle Männer zentrale Figuren von P&D waren, zeigt sich in der vom Direktor Lionel Bovier kuratierten Schau nicht zuletzt immer wieder der Flirt von P&D mit feministischen sowie bereits am Aufbrechen der Binarität der Geschlechter interessierten Bewegungen. Durch Umwertung und eine Verschmelzung von Kunst und Kunstgewerbe, Essenz und Dekor versuchte man die Kunst auf eine symbolische wie pragmatische Form zu bringen, was heute viele Kunstschaffende wieder enorm interessiert. Neben der Rückkehr zu klassischer Malerei gab es notabene viele Experimente mit ihrer textilen Dimension: Die Leinwand wurde aus ihrem Rahmen herausgelöst, aufgehängt oder zur Einkleidung und Auskleidung von Volumen benutzt, manchmal handwerklich gewebt und geklöppelt oder auch bestickt und wie Patchwork zusammengestückt (Miriam Schapiro, Cynthia Carlson). Arbeitete Betty Woodman in Keramik, schufen Linda Benglis und Jennifer Cecere aus verschiedensten Materialien stupende Kostüme und Dekore für festliche und alltägliche Performances. Obschon P&D bereits Mitte der Achtzigerjahre wiederum praktisch von der Bildfläche verschwand, zeigten sie – nicht zuletzt dank der durch die Galerien Holly Salomon und Bruno Bischofberger stimulierten zehn bis fünfzehn Jahre der Visibilität – eine nachhaltige Wirkung. Denn die P&D-Kunstschaffenden, die sich ebenso kritisch wie auch lustvoll und gutlaunig mit Kitsch auseinandersetzten, trugen dazu bei, die Berührungsängste von Kunst und Kitsch abzubauen. So wirken die raumfüllenden, von der Decke gehängten Basteleien des auch als Schwulenaktivist auftretenden Thomas Lanigan-Schmidt von 1969/1970 aus glitzernder Metallfolie, neonfarbenem Plastik und anderen ordinär wirkenden Materialien wie eine kombinierte Vorwegnahme von Thomas Hirschhorn und Jeff Koons. 

Bis 
03.02.2019

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