Sandro Chia

Sandro Chia · Courageous Boy with Flag, 1982, Öl auf Leinwand, 234 x 198 cm, Courtesy Thomas Ammann Fine Art, Zürich © ProLitteris

Sandro Chia · Courageous Boy with Flag, 1982, Öl auf Leinwand, 234 x 198 cm, Courtesy Thomas Ammann Fine Art, Zürich © ProLitteris

Sandro Chia · Leave the Artist Alone, 1985, Öl auf Leinwand, 165 x 255 cm, Coll.D’Ercole, Roma © ProLitteris. Foto: Cosimo Filippini

Sandro Chia · Leave the Artist Alone, 1985, Öl auf Leinwand, 165 x 255 cm, Coll.D’Ercole, Roma © ProLitteris. Foto: Cosimo Filippini

Hinweis

Sandro Chia

Locarno — «Die Dinge geschehen natürlicherweise, sonst ist es Konzeptkunst, eine Hirnangelegenheit, da interveniert nur ein Teil von uns.  (…) Die Kunst muss ein bisschen dumm sein. Wunderbar, dieser Moment von Dummheit, Unzulänglichkeit …» Mit diesen Worten erklärt Sandro Chia sein künstlerisches Credo im Youtube-Interview von 2017 mit Marco Aruga. Der radikale Bruch mit der vorgängigen Konzeptkunst, der die von Achille Bonito Oliva geprägte Transavanguardia mit dem Neoexpressionismus und der Graffitikunst verbindet, sticht in der Retrospektive des Florentiner Künstlers in der Casa Rusca in Locarno stark ins Auge. So sprühen Chias Werke nur so vor männlicher Muskelkraft: in ihrer Darstellungsart wie in den abgebildeten Sujets. In der Monumentalität der Bilder wird der Malakt selbst zu einem Kraftakt und die etwas unproportioniert dargestellten Körper – wohl Selbstbildnisse und Metaphern für die Figur des Künstlers – strotzen nur so vor Manpower und gleichen so den Helden- und Propagandadarstellungen aus den Dreissigerjahren. Je länger man die Malereien betrachtet, desto mehr Zitate aus der Kunstgeschichte kommen zum Vorschein: griechischer Pan, liegender Römer, mit Pfeilen durchbohrter heiliger Sebastian, Dürers Melencolia, Picassos Akrobaten, Legers Arbeiter. Die italienische Transavanguardia läutet Ende der Siebzigerjahre die Postmoderne in der Malerei ein. Eigentlich ein Hinweis darauf, dass diese «Back-to-Painting-Maler» doch nicht so kopf- und konzeptlos vor sich hin wurstelten, wie Chia behauptet, denn zum Zitieren braucht es präzises Vorwissen. Schweift die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf die Form, von der Figur zum Hintergrund, ist der Wiedererkennungseffekt nahezu überwältigend. Die Felsbildungen und Gebäude erinnern an Giotto, die geometrisch analysierten Landschaften evozieren Cézanne, die kubistischen Blöcke zitieren Braque, die dekorativen Muster imitieren Matisse und die freischwebenden Abstraktionen ähneln Kandinsky. Die knalligen Farben erinnern an den Fauvismus und den Expressionismus und werden durch ständiges Nebeneinandersetzen von Komplementärfarben wie Rot und Grün oder Violett und Gelb per Simultankontrast so verstärkt, dass die Hintergründe hervorschnellen und die Figuren fast erdrücken. Die Bilder erscheinen so dicht vollgeklatscht, dass kein freier Zentimeter übrig bleibt und es einem fast den Atem verschlägt. «Bête comme un peintre», «Bad Painting», manieristische Übertreibung, barocke Überladung oder gelehrte Zitierkunst? Die Entscheidung fällt nicht leicht. 

Bis 
06.01.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Sandro Chia 09.09.201806.01.2019 Ausstellung Locarno
Schweiz
CH
Künstler/innen
Sandro Chia
Autor/innen
Barbara Fässler

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