Situationisten — The Most Dangerous Game

Zielscheibencollage aus der Ausstellung ‹Destruktion af RSG-6› in der Galerie Exi Odense, Dänemark 1963; Courtesy Private Collection

Zielscheibencollage aus der Ausstellung ‹Destruktion af RSG-6› in der Galerie Exi Odense, Dänemark 1963; Courtesy Private Collection

Besprechung

Rund 1000 Objekte geben im Haus der Kulturen/HKW einen umfassenden Einblick in die Angelegenheiten und Anliegen der Situationistischen Internationale/S.I. Erstmals wird deren Tun und Denken auf politischer Ebene und mittels Schriftdokumenten reflektiert. Bildgewaltig ist die Schau trotzdem.

Situationisten — The Most Dangerous Game

Berlin — Ebenso monströs wie beiläufig hockt sie auf der Vitrine über ausgelegten Playboy-Magazinen: Molly Peters. Die Puppe von Panamarenko von 1966 ist nicht am wirklichen Bond-Girl orientiert, sondern am unter ihr liegenden Foto im Magazin. Wo das Bild endet, endet die Figur mit schwarzen Schnitten an Bein und Kopf. Blau-äugig schaut sie auf die Wand mit Pariser Strassenschluchten, Polizei-Archivbildern von 1968 – und einem Gucci-Werbevideo von 2018 mit denselben Fotos. Im Rücken hat sie den als Tapete aufgeblätterten Otto-Versandkatalog von 1968, der wie ein Beweisstück zeigt, wie rasch alle Formen radikaler Opposition durch die Warenwelt übernommen wurden. Die Jugend als Keimzelle der Revolution wird neues Kundensegment, die eben erst sexuell befreite Frau kommt kommerziell unter den Hammer. Die Situation ist ein Beispiel für die Spielfreude, mit der die Ausstellungsmacher die eigenen Ansprüche auf wissenschaftliche Erkenntnis und Gründlichkeit unterlaufen. ‹The Most Dangerous Game› – der Titel ist einer verlorenen Collage von Guy Debord und einem gleichnamigen B-Movie entlehnt – ist als Fortsetzung und Korrektiv früherer und insb. der Ausstellung zur S.I. 2007 im Basler Museum Tinguely zu verstehen. In Berlin nun steht nicht das Bild, sondern das Wort im Vordergrund. Eröffnet wird die Ausstellung mit der erstmals vollständigen Rekonstruktion jener nie realisierten Sammlung, der ‹Bibliothèque situationniste de Silkeborg›, die S.I.-Mitbegründer Guy Debord und Asger Jorn sikzziert haben. Hier finden sich Publikationen und Manifeste aller revolutionären Vereinigungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts, auch Dokumente zu so marginalen Schauplätzen wie jener Schweizer Gruppe aus Neuchâtel, die erst wegen Scharmützeln mit der Obrigkeit durch die Lettristen gestützt und wenig später wegen Provokationen ausgeschlossen wurde. 35 randvolle Vitrinen in drei strassenlangen Kompartimenten, an deren Wänden weitere Schrift- und Bildzeugnisse von den Methoden der Zweckentfremdung und Neukontextualisierung zeugen, kulminieren bei der ‹Anti-Situationistischen Kunst›. Erfundene Künstlerfiguren wie Bolus Krim und unter Pseudonym verfasste pornografische Groschenromane gehören genauso dazu wie die prächtige Schau kollektiver Werke, etwa einer bislang nie gezeigten Malerei, an der Asger Jorn, Yves Klein, Ralph Rumney und Walasse Ting gemeinsam Hand angelegt haben sollen. Nicht die Verklärung der Revolte zeigt ‹The Most Dangerous Game›, sondern ihre Verkehrung ins Gegenteil. 

Bis 
10.12.2018

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