Thomas Hirschhorn

Thomas Hirschhorn · Blick während der Aufbauarbeiten in den Ateliertrakt der Villa Stuck, 2018 © ProLitteris

Thomas Hirschhorn · Blick während der Aufbauarbeiten in den Ateliertrakt der Villa Stuck, 2018 © ProLitteris

Hinweis

Thomas Hirschhorn

München — Zum 50. Geburtstag gibt’s die totale Dekonstruktion. Im Jubiläumsjahr des Münchner Museums Villa Stuck ist der Ateliertrakt nicht wiederzuerkennen: Man steht inmitten von Geröllbergen aus grauem Karton und bröselnden Styroporquadern, geknickte Pappröhren und Klebebandschlangen hängen von der Decke. Treppen führen ins Nichts und auf unzugänglichen Podesten sind Waschbecken und Toiletten angebracht. Der in Paris lebende Thomas Hirschhorn (*1957) hat mit Studierenden der Bühnenbildklasse von Karin Brack die ehemalige Künstlervilla in eine Ruine verwandelt. Titel: ‹Never Give Up The Spot!›. Hirschhorn beschreibt es als «umgekehrtes Potemkin’sches Dorf», denn unter den Trümmern bleibt das denkmalgeschützte Haus natürlich heil. «Zerstörung ist genauso schwierig wie Schöpfung.» Antonio Gramscis Erkenntnis bezog sich auf die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse. Der italienische Kommunist und Philosoph ist neben Badiou, Derrida und Spinoza einer der Denker, auf die sich Hirschhorn bezieht. Er erweitert dabei das Feld um die Kunst. Der Titel bedeutet für Hirschhorn, dass man «seinen Standpunkt niemals unter dem Druck des Heute aufgeben sollte». Als Antwort auf die Grundsatzfrage «Why does the Museum exist?» macht er daraus einen öffentlichen Raum, in dem jeder selbst Künstler sein kann. Die Dekonstruktion bietet die Voraussetzung zur Kreation. Dafür sorgen vier »Schutzräume der Kreativität», mal mehr Werkstatt, mal mehr Denklabor. Da stehen nicht nur Computer und Bücher bereit, sondern auch Farben und Lacke, Sägen und Bohrmaschinen. Der Eintritt ist frei, der Katalog kostet nichts und statt Aufsichtspersonal gibt es ein Welcome-Team, das den Weg zu Kühlschrank und Kaffeemaschine weist. Den Spieltrieb in solchen Dimensionen auszuleben, das schaffen nur männliche Künstler, denkt man als Betrachterin. Hirschhorn mag den Begriff «Spiel» im Zusammenhang mit seiner Arbeit nicht: «‹Einen Raum bespielen›, diesen Ausdruck hasse ich. Der Begriff ‹Spiel› ist eigentlich irreführend, weil für das Kind das Spiel doch Ernst ist.» So ähnlich verhält es sich auch mit dem gross gewordenen Spielkind Hirschhorn. Auch er meint es ernst. Er zieht den roten Faden von Schwitters über Beuys, und seine künstlerische Strategie ist dabei so radikal anti-elitär und meta-ästhetisch, dass man ihn trotz der überall umherfliegenden Styroporfussel, die bald an der Kleidung kleben, dafür bewundern muss. Wie Hirschhorn aus der Villa Stuck eine bühnenreife Bruchbude gemacht hat, das ist – nicht nur recyclingtechnisch – Wahnsinn. Und grosse Kunst.

Bis 
03.02.2019
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Villa Stuck Deutschland München
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Thomas Hirschhorn 19.10.201803.02.2019 Ausstellung München
Deutschland
DE
Künstler/innen
Thomas Hirschhorn
Autor/innen
Roberta, De Righi

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