Aaron Flint Jamison — Gelegenheit und Möglichkeit

Aaron Flint Jamison · Opportunity Zone, 2019, Courtesy Kunst Halle Sankt Gallen. Foto: Sebastian Schaub

Aaron Flint Jamison · Opportunity Zone, 2019, Courtesy Kunst Halle Sankt Gallen. Foto: Sebastian Schaub

Besprechung

Nach Jahren des Austauschs zwischen Künstler und Kurator zeigt die Kunsthalle St. Gallen eine der seltenen Ausstellungen von Aaron Flint Jamison. Neben Objekten und Interventionen im Raum manifestiert sich sein Denken auch in Publikationen und Kunsträumen wie der Yale Union in Portland, Oregon.

Aaron Flint Jamison — Gelegenheit und Möglichkeit

St. Gallen — Das Tor zur Ausstellung steht weit offen. Wie das Schiebetor einer Scheune oder Lagerhalle fällt es auf Rollen in einer geneigten Schiene allein durch Gravitation in die Offenheit. Was als Schliessmechanismus gedacht war, wird zum unwiderstehlichen Moment der Öffnung. Das schwere, von Jamison selbst in Zedernholz gefertigte Tor bleibt nicht nur ein plastisches Attribut dieses postindustriellen Kunstraums und ein bildhaft offenes Zeichen, es erscheint im nächsten Raum noch einmal, zum Tafelbild verkleinert, an der Wand, nicht ohne durch seine Neigung die Stabilität der Architektur zu provozieren. Jamisons Reflexionen über die materiellen Eigenschaften von Zink zeigen in ­einem Künstlertext zur Ausstellung den Kern seines Denkens: In Stoffen, ihrer materiellen und ideellen Verarbeitung, liest Jamison die Welt. Er setzt die Entfremdung menschlichen Tuns im Kapitalismus für einen Augenblick der Kunst radikal aus, indem er seine perfekte Schreinerarbeit mit der entpersonalisierten Fabrikation durch digitale Tools nahtlos zusammenführt. Politisch zu produzieren, bedeutet bei ihm nicht, nur einen verbalen Diskurs vorzuschicken, sondern Material und Reflexion, Handarbeit und Hightech in ihrer institutionellen Rahmung sinnlich zu verbinden. In ‹Applicate 2.1., 2.2› bewegen sich zwei filigrane Hängevorrichtungen nebeneinander an der Wand auf und ab. Die eine Apparatur wird durch Daten der Bilddimensio­nen in der bestehenden Sammlung des Kunstmuseums Bern gesteuert, die andere durch diejenigen aus der «Bestandsaufnahme» des vererbten Gurlitt-Komplexes. Im nie neutralen White Cube nehmen die ethischen Ansprüche einer Museumssammlung und die Klärung der Provenienz von Raubkunst auf Augenhöhe aneinander Mass. Der Ausstellungs- und Werktitel ‹Opportunity Zones› bezeichnet jene verarmten Gebiete in amerikanischen Städten, die seit 2017 für Investoren steuerfrei ausgezont werden können. Von solchen Gelegenheiten zum «impact washing» profitiert nicht zuletzt die Kunst, die sich selbst gerne als ein reines Feld der Möglichkeiten sieht. Wie weit auch hier Vorspiegelungen wirken, untersucht Heft 12 von Jamisons Publikationsreihe, deren Titel ‹Veneer› auf hauchdünne Vorblendschalen von Zähnen verweist. Und schliesslich erwartet uns im hintersten Raum der Kunsthalle eine grosse plastische Überraschung, eine Möglichkeitsform der Kunst, prekär, präzise verspielt. 

Bis 
05.01.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Aaron Flint Jamison 26.10.201905.01.2020 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Aaron Flint Jamison
Autor/innen
Hans Rudolf Reust

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