Andriu Deplazes — Bilder, die fragen und klagen

Körper, Baum und Weite, 2019, Öl auf Leinwand, 170 x 140 cm © ProLitteris

Körper, Baum und Weite, 2019, Öl auf Leinwand, 170 x 140 cm © ProLitteris

Körper mit Gurt im Blau, 2019, Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm © ProLitteris

Körper mit Gurt im Blau, 2019, Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm © ProLitteris

Körper mit Gurt im Tuch, 2018, Tusche auf Papier, 36 x 27 cm © ProLitteris

Körper mit Gurt im Tuch, 2018, Tusche auf Papier, 36 x 27 cm © ProLitteris

Andriu Deplazes

Andriu Deplazes

Fokus

Der Zürcher Künstler mit Bündner Wurzeln entwirft märchenhafte Welten, in die auch religiöse Motive oder aktuelle politische Ereignisse Eingang finden. Menschen, Pflanzen und Tiere sind häufig in naturhaftem Urzustand dargestellt, zugleich begegnen sie uns in eigenartiger, staunend-fragender Entfremdung. Seit seinem ersten öffentlichen Auftritt anlässlich des Helvetia Kunstpreises auf der Liste parallel zur ART Basel 2017 hat Deplazes weitere Preise erhalten und einige Ausstellungen bestritten. Aktuell wird er im Bündner Kunstmuseum in Chur als Manor-Preisträger gezeigt, und neben Gemälden ist erstmals eine Fülle von Zeichnungen zu sehen.

Andriu Deplazes — Bilder, die fragen und klagen

«Mit der Malerei lässt sich ein Raum eröffnen für Dinge, die man nicht genau fassen kann», sagt Andriu Deplazes. 2016 erhielt er ein Erasmus-Stipendium in Brüssel, wo er seitdem ein Atelier hat. Die fremde Stadt, zunächst als willkommener Rückzugsort empfunden, fern von Freunden und allem Bekannten, ist mittlerweile zur vertrauten Umgebung geworden, in der sich Deplazes wohlfühlt. In seinem Atelier überlässt er sich inneren Welten, in denen Erschreckendes und Paradiesisches zusammenfinden.

Frevel und neues Leben
Auf ‹Körper, Baum und Weite›, 2019, ist eine frostig-matschige Winterlandschaft zu sehen, in der eine unpassend in ein sommerliches Plisseekleidchen gekleidete Figur auf einem abgehackten Baumstamm sitzt. Aber sitzt sie wirklich auf dem waagerecht das Bild durchschneidenden Gebilde oder ist sie nicht vielmehr Teil davon? Denn der Baumstamm erinnert mit seiner seltsam hautfarbenen Körperlichkeit an einen abgeschnittenen Finger, an menschlich-tierische Fleischlichkeit, und das weibliche Wesen mit den massigen Beinen scheint mit dem Stamm verwachsen. Der Baum, dieser befremdliche Körper, wurde gekappt, aber an der Schnittstelle fliesst kein rotes Blut als Zeichen todbringenden Vergehens, stattdessen wird hier die rote Lebensenergie zum vollen Leuchten gebracht. Und im gefällten Stamm, in strotzenden Zweigen und warzenartigen Astlöchern scheint frühlingshaft neues Leben zu entstehen. Hat die weibliche Figur den Baum gefällt, hockt sie nun auf ihrer Trophäe? War sie Zeugin der Tat oder hat man ihr selbst ein Leid zugefügt? Sie schaut uns von unten her an, als wisse sie nicht, was passiert, als sei ihr die umgebende Welt so fremd, wie sie uns fremd entgegentritt. Und mit diesem seltsamen menschlichen Wesen schlagen noch andere, noch befremdlichere Geschöpfe die Augen auf. Die rötlich-weissen Kugeln, die das verschneite Ufer ausmachen, scheinen ob der ungeheuerlichen Tat zu erwachen. Die Fällung des Baumkörpers, seine Schlachtung scheint eine Freveltat zu sein, die ein schlummerndes urwüchsiges Reich in Aufruhr versetzt, die ihm aber zugleich zu neuer Lebensenergie verhilft. Rot steht für Blut, für Wunde, Lebensgefährdung und Tod, zugleich für Wärme, Vitalität und Lebenskraft. Und Rot prägt nicht nur Menschen, sondern es schlummert in allen Erscheinungen, die uns Deplazes zeigt. Viele Bilder sind rot grundiert und rötlich schimmern Berge und Flüsse, Tiere, Menschen und Pflanzen, als liege unter der Oberfläche der Körper das empfindliche Fleisch offen. «Körper» ist in den – auffällig nüchternen – Titeln das am häufigsten vorkommende Wort. Es kann in Einzahl oder Mehrzahl gelesen werden und es umfasst tendenziell alles, was sich materialisiert. Körper fungieren bei Deplazes als Ur-Chiffre für Lebendiges, das Leid und Freud, das Sexualität und Tod erfahren kann. Dabei ist der Mensch nicht länger Schöpfer und Geisteswesen, Herr über das ihn Umgebende, sondern Teil des Vegetabilen und Tierischen, ausgeliefert und ausgesetzt. Oft klingen melancholische Grundtöne in Deplazes’ Bildern an und nicht selten referiert der Künstler auf die christliche Leidensgeschichte. ‹Körper mit Gurt im Blau›, 2019, zeigt eine Art Pietà mit einem nackten «Christus», der einen roten «Gurt» trägt. Der «Gurt» soll ein Sprengstoffgürtel sein. Deplazes war 2016 mit den terroristischen Selbstmordanschlägen in Brüssel konfrontiert. In diversen Zeichnungen formulierte er anschliessend seine Betroffenheit – und häufig ist es nun eine Frau mit Nikab, die das Todbringende symbolisiert. Ihre weit aufgerissenen Augen starren aus der blauen Gewandung heraus, unter welcher ein empfindlicher weiblicher Körper, Brüste, Bauchnabel und Scham, zu sehen sind – und der Gurt, mit dem sie vorhat, sich selbst und andere umzubringen. Auf einer Zeichnung hält diese Frau in ihren Armen ein Kind, das nun den Gurt trägt und bereits tot zu sein scheint. Die Mutter, eine Maria, die als Selbstmordattentäterin ihr eigenes Kind umbringt? Die Mutter, die Leben schenkt und nimmt? Deplazes fragt sich, was in einer Attentäterin vor sich geht, ob sie vielleicht nicht freiwillig zur Mörderin wurde. Er fragt, was mit denen geschieht, die zurückkehren, nachdem sie sich dem islamistischen Terror angeschlossen hatten. Eine Mutter sei ihrem Kind unabdinglich in Liebe zugewandt, zugleich könne sie zur Mörderin werden. Wer ist da noch Opfer, wer Täterin? Deplazes ist nicht an Schuldzuweisungen interessiert, sondern an der Verzahnung von Täter und Opfer. Sein Thema ist «das Menschliche» in einem übergeordneten Sinn, das Ausgesetzt- und Fremdsein in einer Welt, in der das Paradies nur noch entfernt anklingt. Dabei bedient sich der Künstler tradierter Bilder und lässt in ihnen zeitgenössische Themen anklingen. Aktuelle politische Ereignisse werden mit einem archetypischen Bild wie dem der Pietà kombiniert, womit sich Bildergeschichte und Bildergegenwart gegenseitig befruchten.

Körper schauen uns an
Eine Vielfalt malerischer Vorbilder – von Hodler und Segantini bis Schiele, Beuys oder Miriam Cahn – klingt in Deplazes’ Arbeiten an. Der Künstler sagt, es sei ihm wichtig, dass man Vertrautes finde, dass das Publikum sich abgeholt fühle – um dann von ihm geleitet zu werden. Vor den Bildern stehend und sie auf mich wirken lassend, scheint mir ganz referenzlos der Blick zu sein, mit dem sich Deplazes’ Welten an uns wenden. Der Künstler erzählt keine Geschichten, in die wir eintauchen, die wir nachvollziehen. Seine stärksten Arbeiten zeigen ein Jetzt, einen Moment, für den gleichsam kein Vorher und kein Nachher existiert. Die fliehenden oder sich mir entgegenstülpenden Landschaften, die so intensiven Blicke vieler Figuren – sie sind in diesem Moment, in dem ich vor dem Bild stehe, auf mich ausgerichtet. Sie senden Appelle, sie berühren und beunruhigen mich, und so sehr ist alles auf diese Begegnung zentriert, diesen Moment des Sich-Gegenüberstehens, dass ich mich frage, ob die Bilder im Dunkeln weiterbestehen. In der Regel scheint mir ein Bild immer da zu sein, auch nachts oder wenn ich es nicht sehe. Die Arbeiten von Deplazes dagegen sind keine nach innen gekehrten in sich ruhenden Gegenstände, sie scheinen stattdessen unseres Blickes und unserer Anteilnahme so sehr bedürftig zu sein, sie rufen uns so sehr an, sie fragen und klagen, dass ich mich frage, ob sie noch existieren, wenn ich nicht da bin.

Brita Polzer, Dozentin, Autorin, lebt in Zürich, britapolzer@swissonline.ch

→ Andriu Deplazes, ‹Rote Augen›, Manor Kunstpreis Chur 2019, Bündner Kunstmuseum Chur, bis 12.1.
→ Andriu Deplazes, Center for Contemporary Art Futura, Prag, 7.7. bis 20.9.2020

Bis 
12.01.2020

Andriu Deplazes (*1993), lebt in Brüssel und Zürich
2012–2016 Bachelor Bildende Kunst, Zürcher Hochschule der Künste
2016 Erasmus-Stipendium an der LUCA School of Arts Brussels
2017 Helvetia Kunstpreis
2019 Arbeitsaufenthalt in Marseille

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Körper, Blume, Wasser, Gras›, Kunstverein Friedrichshafen, Friedrichshafen; ‹Blind in the Sea Weeds›, Mark Lungley, London; ‹Caravan›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2017 Helvetia Kunstpreis, Liste, Art Basel, Basel

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 Stipendium Vordemberge Gildewart, Alte Fabrik Rapperswil
2017 ‹Hortus Botanicus›, Helvetia Art Foyer, Basel; ‹Plattform›, Kunsthaus Glarus; ‹EUtopia›, CC strombeek, Brüssel
2016 Grosse Regionale, Kunstzeughaus Rapperswil; Diplomausstellung ZHdK, Zürich; ‹I Eye Made This These›, Bachelor Diplomausstellung LUCA, Greylights Project, Brüssel
 

Institutionen Land Ort
Bündner Kunstmuseum Chur Schweiz Chur
Futura Tschechische Republik Praha 5-Smichov
Ausstellungen/Newsticker Datumabsteigend sortieren Typ Ort Land
Andriu Deplazes. Rote Augen 14.09.201912.01.2020 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Andriu Deplazes 07.07.202020.09.2020 Ausstellung Praha 5-Smichov
Tschechische Republik
CZ
Künstler/innen
Andriu Deplazes
Autor/innen
Brita Polzer

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