Boris Mikhailov, Arnold Odermatt

Arnold Odermatt · Stansstad, 1967, Schwarz-Weiss-Aufnahme © ProLitteris

Arnold Odermatt · Stansstad, 1967, Schwarz-Weiss-Aufnahme © ProLitteris

Boris Mikhailov · Temptation of Death, 2019 © ProLitteris

Boris Mikhailov · Temptation of Death, 2019 © ProLitteris

Hinweis

Boris Mikhailov, Arnold Odermatt

Chiasso — Wo die Schweiz endet und Italien beginnt, geht das Mitteleuropäische in das Südeuropäische über und ringt mit ihm. Während der ‹Biennale dell’Immagine› setzt sich die verschlafene Grenzstadt Chiasso alle zwei Jahre mit ihrem speziellen Schicksal auseinander: beidseits der Grenze lombardische Brüder und Schwestern gleicher Sprache, mittendrin die Staats- und Währungsgrenze. Vor allem aber sind es die so kontrastreichen wirtschaftlichen Wirklichkeiten, die seit Jahren schwerwiegende soziale Spannungen und Gefälle zwischen Tessinern und Lombarden provozieren. ‹Crash›, der Titel der diesjährigen ‹Biennale dell’Immagine Bi11›, trifft den Nagel auf den Kopf und drückt die verschärfte und widersprüchliche Lage zwischen Kollision und Entspannung, zwischen Fraktur und Zusammenwachsen, zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Feindschaft und Freundschaft in ihren unterschiedlichen Facetten aus. Am emblematischsten visualisieren die Polizeifotos von Arnold Odermatt das Prinzip des Zusammenstosses: Ab den Vierzigerjahren hat der Nidwaldner Polizist während Jahrzehnten die Unfälle im Kanton mit seiner Kamera auf distanziert objektivierende Art dokumentiert. In der Sala Diego Chiesa sind nun die 32 Crashbilder zu sehen, die Harald Szeemann für die Biennale di Venezia 2001 ausgewählt hatte. Der genaue Blick von Odermatt und seine chir­urgisch akkurate Auswahl des Standpunktes und der Bildgeometrie schälen die Unfall­situationen aus den erhabenen Landschaften heraus und schaffen eine krasse Spannung in den Schwarz-Weiss-Aufnahmen. Die zusammengestauchten oder abgestürzten Wracks präsentieren sich in den absurdesten Stellungen und wachsen wie groteske Ready-Made-Skulpturen aus der idyllischen Innerschweizer Landschaft. Die grossformatigen, im Raum hängend installierten Diptychen ‹Temptation of Death› von Boris Mikhailov manifestieren den ‹Crash› auf weniger direkt materielle Art als die Odermatt’schen Karambolagen. Der Zusammenstoss ereignet sich hier in formalem oder übertragenem Sinn. So kontrastieren die beiden Bildhälften in ihren Farben, ihrem Licht und Schatten, ihrer Schärfe und Unschärfe, den Ausrichtungen oder den Proportionen. Die düsteren und melancholischen Bilder kreisen um ein nie in Betrieb genommenes Betonkrematorium und kombinieren die Aufnahmen mit ärmlichen Szenen aus dem postsowjetischen Russland. So erzählen sie von Leben und Tod, von Präsenz und Absenz, von Kommunismus und Kapitalismus, von Macht und Ohnmacht. Die Inszenierung des Crashs als Folge der Grenzziehung, der Maueraufrichtung schärft in ihrer Radikalisierung das Bewusstsein für Ausgrenzung, Abschottung und fehlende Integra­tion. Was kommt nach dem Crash? Sprechen wir in zwei Jahren von Öffnung, Verbrüderung und einem ebenso radikalen Neubeginn? 

Bis 
08.12.2019

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