Das Grosse Rätsel - Das Raubtier

Timanfaya, Lanzarote. 11.12.2016. Foto: SH

Timanfaya, Lanzarote. 11.12.2016. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Das Raubtier

An den Löwen von Lanzarote glaubt heute niemand mehr. Früher erzählte man seinen Kindern von diesem gefrässigen Raubtier, um dem Nachwuchs so die Lust am Spiel in den tatsächlich nicht ganz ungefährlichen Lavafeldern der Timanfaya zu nehmen. Heute geben die Kleinen schnell «Löwe» und «Lanzarote» in die Suchmaske ihres Smartphones ein – und schon ist der elterliche Erziehungsschwindel aufgeflogen. Im Licht dieses frühwinterlichen Abends liegt die Lava wie eine schwarzgraue Barriere vor mir, ein riesiges Feld aus erstarrter Gewalt: «Wie sprudelndes Wasser» sei das Magma anfangs geflossen, beschreibt der Pfarrer von Yaiza den Ausbruch von 1730, später «zähflüssig wie Honig». Die letzten Eruptionen liegen bald zweihundert Jahre zurück und doch wirkt die Gegend auch heute noch düster, alles Leben scheint auf immer begraben. Der Anblick nagt an meiner Lebensfreude. Will mir Mutter Erde hier die Vergeblichkeit menschlichen Strebens vor Augen führen? Warum? Die Frage verpufft ohne Widerhall. Hinter der grimmigen Horizontale machen die Montañas del Fuego nun ihrem Namen alle Ehre. Sie glühen in feinsten Schattierungen von Rosaviolett bis Sienabraun – als sei der Himmel aus einem Seestück von ... auf die Erde geglitten. Mit der Dämmerung gerät das Licht auf den Vulkankegeln in Bewegung – und im letzten Schein, auf einmal, beginnen sich die Massen vor meinem Auge zu recken und zu strecken, bebt und zittert sich ein gewaltiges Raubtier aus dem Schlaf. 

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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Autor/innen
Samuel Herzog

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