Editorial — Ein goldener Apfel

Brigham Baker · Apple, 2019, C-Print, 170 x 120 cm

Brigham Baker · Apple, 2019, C-Print, 170 x 120 cm

Editorial

Editorial — Ein goldener Apfel

Der Apfelbaum wirkt wie ein Bild aus vergangenen Zeiten, als Stadtgärten noch Nutzgärten waren. Und in der Tat: Der von Brigham Baker fotografierte Baum gehört zu einer Dreiergruppe und steht vor der grauen Wand seines Ateliers zwischen einer ehemaligen Fabrikhalle, einer Arbeitersiedlung und einem zerfallenen Schrebergartenhäuschen. An den Bäumen wachsen Boskop und Lederäpfel, geholt werden sie von den Schulkindern und den Mietern. Fotografiert hat er die Äpfel immer in Bezug zum Baum, zu den alten flechtenbewachsenen Ästen vom Moment der Überreife bis zu den ersten Blüten im Frühjahr. Wieso gerade Äpfel? «Es sind die letzten Früchte der Saison, sie lassen sich länger beobachten und man kann ihnen so näherkommen. Sie erscheinen mir ruhiger und langsamer als andere.» Und was hat der Künstler bei diesem Prozess gelernt? «Sie sind nicht nur in unseren Augen schön, sie blicken bunt vom Baum herunter, locken uns an – aber auch Vögel, Kleintiere und Insekten. Durch das Fotografieren wird das physisch erfahrbar, ich sehe sie aus der Perspektive der Vögel und kann auf ihrer Schale herumspazieren.» Der Apfel ist eine Kulturpflanze. Auch heute noch wird der ursprüngliche Strauch erst durch das Aufpfropfen zum Apfelbaum. Bauern pflanzen sie als erntefreundliche Niederstämmer in Reih und Glied, doch in Städten haben sie zurzeit keine Konjunktur. Gartenarchitekten setzen eher auf pflegeleichte Gehölze oder hitzeund schadstofftolerante Asiaten.Um die Vielfalt der alten Apfelsorten kümmern sich nur noch Fachleute oder der botanische Garten. Im Märchen jedoch leuchtet er mit unveränderter Kraft, wenn einer vom Paradies träumt und beim Erwachen den Apfel immer noch in der Hand hält. Der Apfel ist ein Versprechen, so auch das goldene Exemplar zum Jahresende auf unserer Titelseite.

Künstler/innen
Brigham Baker
Autor/innen
Claudia Jolles

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