Katinka Bock

Katinka Bock · Rauschen, 2019, Bronze, Fiberglas, Courtesy Jocelyn Wolff, Paris, Meyer Riegger, Karlsruhe/Berlin und Great Meert, Bruxelles, Produktion: Lafayette ­Anticipations

Katinka Bock · Rauschen, 2019, Bronze, Fiberglas, Courtesy Jocelyn Wolff, Paris, Meyer Riegger, Karlsruhe/Berlin und Great Meert, Bruxelles, Produktion: Lafayette ­Anticipations

Hinweis

Katinka Bock

Paris — Eine Ausstellung sei, sagte die deutsche Künstlerin einmal, wie ein Text – man habe die Wörter, nun müsse man den Satz finden. Die aktuelle grosse Einzelschau der in Berlin und Paris lebenden 43-Jährigen ist eine Novelle: dicht und (geistes-)gegenwärtig. Genau diese Stimmung erzeugt sie in Lafayette Anticipations durch geschickte Komposition, weite historische Bögen. Bock ist bekannt für Raumbearbeitung mit geschichtsgeladenen Objekten, Fotografie, Film, Zeichnung, Malerei. Nun schwebt, neun Meter hoch und nur an zwei Stahlseilen hängend, ‹Rauschen› im Raum. Gewagt für die Künstlerin, die sonst ihre Arbeiten selbst bewegen kann. Das Monumentale der schuppengleich mit grün patinierten Kupferplatten bedeckten Skulptur entspricht ihrer Herkunft. 51 Meter, 10 Stockwerke hoch ist der expressionistische Backsteinbau, den Fritz Höger 1928 für den Hannoverschen Anzeiger fertiggestellt hat. Auf dem Hochhaus thront eine 12 Meter hohe, kupfergedeckte Kuppel. Bock konnte die wegen Renovierung entfernten, vom Krieg gezeichneten Platten erhalten, brauchte aber einen potenten Partner, um aus den 800 kg Kupfer etwas zu machen. Lafayette Anticipations finanzierte die Transformation in eine 1,6 Tonnen schwere Grossskulptur. Das Ausstellungshaus hat wie das Anzeiger-Hochhaus Produktionsstätten im Keller, die Künstlerin produziert eine eigene Künstlerzeitung, für die sogar eine Linolpresse angeschafft wurde. Die Schau ‹Tumulte en Higienópolis› spannt den Bogen zwischen ­antinazistischem Aufruhr vor dem Anzeiger-Hochhaus in ­Hannover 1931, Higienópolis, einem modernen Stadtviertel in São Paulo, und der Ambition des Pariser Modekaufhauses. Über drei Etagen lässt Katinka Bock Kupferplatten wie Wäsche über Leinen hängen, begräbt ein vermeintliches Holzmannequin unter Tonlappen oder legt eine gefaltete Jeans mit einem grossen Kieselstein in der Gesäss­tasche aus. «Der Löffel draussen», lächelt sie und deutet auf einen überdimensionierten Löffel aus Bronze auf einem T-Träger im Innenhof, «erzählt von der Toxizität des Kupfers, von Dosierung und Medizin.» Ästhetik kommt von Aisthesis, griechisch für Sinneswahrnehmung. Sie ist mithin der Anästhesie verwandt. Bock verweigert sich der Konsumbetäubung durch Kunst und kunstindustriellen Verwertungswünschen durch hintergründige kleine Gesten: Ein Objekt sieht aus wie ein Stachelschwein. Man darf eine Allusion auf die 1920 gegründete Satirezeitschrift gleichen Namens sehen – und so den feinen Witz erkennen, mit dem Katinka Bock die Räume von Lafayette Anticipations zur Bühne einer selbstbewussten Novelle über Kunst, Geschichte, Zeitgeist macht. 

Bis 
05.01.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
KATINKA BOCK 09.10.201905.01.2020 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Künstler/innen
Katinka Bock
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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