Meret Oppenheim — La Spirale, ein Brunnen für Basel

Rohguss der in elf Teile gegliederten Form © Foto: Kunstgiesserei St.Gallen, 2019 / © Pro Litteris

Rohguss der in elf Teile gegliederten Form © Foto: Kunstgiesserei St.Gallen, 2019 / © Pro Litteris

Rohgüsse werden mit einem auf den Metallton abgestimmten Lot zusammen­geschweisst.

Rohgüsse werden mit einem auf den Metallton abgestimmten Lot zusammen­geschweisst.

Werkstattansicht in der Kunstgiesserei Sitterwerk im Sittertal bei St. Gallen

Werkstattansicht in der Kunstgiesserei Sitterwerk im Sittertal bei St. Gallen

Anlieferung auf dem Meret-Oppenheim-Platz hinter dem Bahnhof in Basel

Anlieferung auf dem Meret-Oppenheim-Platz hinter dem Bahnhof in Basel

La Spirale (der Gang der Natur), 1971, 1986, 2019, Gesamtansicht von Skulptur und Platz

La Spirale (der Gang der Natur), 1971, 1986, 2019, Gesamtansicht von Skulptur und Platz

Fokus

Meret Oppenheim erfuhr erst ab den Achtzigerjahren späte Anerkennung. Direkt neben dem Bahnhof Basel SBB ist sie jetzt mit einem neuen Brunnen präsent, der in arbeitsteiliger Produktion realisiert wurde. Er geht auf das Konzept zurück, das die Künstlerin noch zu Lebzeiten für einen Garten der École Polytechnique Montagne Sainte-Geneviève in Paris vorsah. 

Meret Oppenheim — La Spirale, ein Brunnen für Basel

«Mein Vorschlag ist, dass man einen Weg einschlägt, der nicht ein neuer ist, sondern ein ganz alter: Man soll den Leuten das hinstellen, was ihnen Freude macht. […] Alle würden Freude haben an Parks und Gärten, die nicht auf dem Reissbrett entworfen oder in konventioneller Manier angelegt wurden, alle würden sich an grossen und kleinen Anlagen freuen, mit oder ohne Bepflanzung, mit zum Beispiel an einer durch Wind und Wasser bewegten plastischen Form, die vielleicht noch mit Musik-Tonabläufen verbunden ist, die etwas in unseren Alltag zurückbringen, nach dem manche sich heimlich sehnen.» So äusserte sich Meret Oppenheim (1913, Berlin – 1986, Basel) in ihrem Aufsatz ‹Überlegungen zu Kunst auf öffentlichen Plätzen› von 1980. Dass ihre naturaffine Vision mit tiefem Gespür für die Sinnlichkeit von Prozessen direkt neben dem Bahnhof SBB posthum umgesetzt würde, hätte sie sich wohl kaum denken können.

Entwürfe, Geschichte, Weiterdenken
Für Basel konzipierte sie 1970 einen Garten mit Trompe-l’œil-Effekt, der allerdings nicht realisiert wurde. Zehn Jahre später, 1981, erfuhr sie, dass das Brunnenprojekt ‹La Spirale (der Gang der Natur)› für die Umsetzung im Garten der alten École Polytechnique Montagne Sainte-Geneviève in Paris vorgesehen ist. In einem Gipsmodell von 1971 hatte sie dessen Gestalt, den bucklig vegetativen Schaft mit vier astartigen Ansätzen, die in je zwei rund und quadratisch gefasste Flächen übergehen, bereits definiert und um eine Beschreibung ergänzt: «Die ausgeführte Skulptur (in Stein oder Bronze vorgesehen) soll etwa 1,5 bis 2 m hoch werden, ohne Sockel gerechnet. Der Sockel soll auf starken Federn stehen, sodass sich das Ganze bei Berührung bewegt und die Gläser von den vier Köpfen an die Bronzerahmen schlagen.» Von diesem ersten Arbeitsmodell wurde 1977 ein Abguss in Bronze mit farbigen Glaselementen auf einem beweglichen Marmorsockel in einer Auflage von acht Exemplaren hergestellt. Die Einweihung der Erstfassung aus Bronze, die bis heute ohne die Glaselemente auf einem quadratischen Podest aus Marmor in der Mitte eines in den Boden eingelassenen runden Brunnenbeckens steht, erfolgte posthum 1986. Während der Neukonzeption des Areals zwischen dem Neubau von Herzog & de Meuron, dem Bahnhof Basel SBB und dem Gundelinger Quartier inklusive eines Meret Oppenheim gewidmeten Platzes schlugen die Architekten die Realisierung einer Skulptur der Künstlerin vor. Jacques Herzog: «Meret sollte nicht nur Namensgeberin sein für Strasse und Platz, sondern durch ein Kunstwerk präsent werden.» In Bezug auf den Typus des Kunstwerks gab es eine klare Präferenz: «Brunnen können eine Stadt prägen. Basel hat einige schöne alte Brunnen: etwa den Pisoni-Brunnen, den Fischmarktbrunnen und den grossartigen Tinguely-Brunnen. Wir hatten schon in den Siebzigerjahren Ideen, weitere Brunnen nach eigenen Entwürfen an städtebaulich strategischen Orten vorzuschlagen. Zum Beispiel am Marktplatz oder bei der ehemaligen Hauptpost. Am Meret-Oppenheim-Platz wollten wir aber einen Brunnen von Meret Oppenheim. Basel sollte endlich ein wichtiges und für alle sichtbares Kunstwerk dieser grossartigen Künstlerin haben.» Als Beraterin und Gutachterin für die posthume Umsetzung der Brunnenskulptur wurde Bice Curiger beigezogen, die Auswahl fiel auf den Entwurf für ‹La Spirale (der Gang der Natur)›. Die Realisierung wurde als Zusammenarbeit mit dem Kunstkredit Basel-Stadt, den Erben, den Landschaftsarchitekten Westpol und der Kunstgiesserei St. Gallen unter Leitung von Felix Lehner aufgegleist.

Arbeitsteilige Umsetzung
Zwischen der Passerelle des Hauptbahnhofs und dem Hochhaus sollte ein Brunnenbecken platziert werden, dessen Sitzrand eine weite Wasserfläche umfasst, die zu den Gleisen hin in eine bepflanzte Zone überführt. Um den Eindruck entstehen zu lassen, dass die Skulptur über dem Wasser schwebt, und so das mystische Moment zu verstärken, wurde der Fond des Beckens schwarz gefasst.
Für die zentrale Brunnenfigur wurde in einem ersten Schritt ein 3D-Scan der kleinformatigen, 45 cm hohen Bronzeskulptur angefertigt, dann ein Mock-up in Höhe von 360 cm im Sitterwerk gefräst und auf den Platz transferiert, um die Grössenverhältnisse zu prüfen. Parallel dazu wurden Materialmuster aus Bronze und Messing mit verschiedenen Patinierungen hergestellt. Die Entscheidung fiel auf Messing, das «billige Gold», das in einem Schleifprozess auf Hochglanz poliert wurde. In der Kunstgiesserei St. Gallen wurde getestet, bei welchem Druck das Wasser durch den Schaft gepumpt werden muss, das an den Aussenflächen herunterfliesst. Mit der Einweihung im Juni 2019 ist ein vier Jahre währender, arbeitsteiliger Prozess zum Abschluss gekommen, bei dem das Konzept von Oppenheim mit der Expertise zeitgenössischer Kunstproduktion umgesetzt wurde. Entscheidend waren Fragen, wie die Figur vom Wasser umflossen wird, wie dieses zum schimmernden «Kleid» wird – was der ursprünglichen Idee von Meret Oppenheim entschieden näherkommt als die Fassung in Paris. Dank der Brunnenanlage wurde aus dem Nicht-Ort ein Ort, der im Alltag einen Einstieg ins Schaffen und in die Haltung Oppenheims eröffnet, der seine Fortsetzung in den Sammlungen finden kann, in denen sie mit ihren Werken vertreten ist.

Stefanie Manthey lebt in Basel; Autorin, Kunstvermittlerin, Forschung zu Rosemarie Trockel, Materialien und Techniken. stefaniemanthey@gmail.com

Autor/innen
Stefanie Manthey
Künstler/innen
Meret Oppenheim

Werbung