My Mother Country — Malerei der Aborigines

Long Tom Tjapanangka/Mitjili Naparrula · Two Snakes & Many Hills, 2002, Acryl auf Leinwand, 182 x 303 cm, Sammlung Joëlle und Pierre Clément © ProLitteris 

Long Tom Tjapanangka/Mitjili Naparrula · Two Snakes & Many Hills, 2002, Acryl auf Leinwand, 182 x 303 cm, Sammlung Joëlle und Pierre Clément © ProLitteris 

‹My Mother Country›, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zug, 2019

‹My Mother Country›, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zug, 2019

Besprechung

Die Gegenwartskunst von australischen Eingeborenen hat in den letzten Jahrzehnten an internationaler Bedeutung gewonnen, während sie hierzulande kaum sichtbar ist. Nun zeigt das Kunsthaus Zug als erste grössere Schweizer Kunstinstitution eine Überblicksausstellung zur Malerei der Aborigines.

My Mother Country — Malerei der Aborigines

Zug — Die Stämme und Clans der Aborigines sind seit der Besiedelung des Kontinents durch europäische Einwanderer systematisch erniedrigt, vertrieben und enteignet worden und ihre Sichtbarkeit in Bezug auf die bildenden Künste war längerfristig auf ein Minimum reduziert. Erst seit den Siebzigerjahren existiert ein spezifischer Fokus auf die Kunst der Aborigines hinsichtlich Produktion und Präsentation. Heutzutage erfahren die Werke mit ihrer charakteristischen Ausdrucksweise und rituellen Bedeutungsebene einen regelrechten Boom, sodass sie in zahlreichen westeuropäischen, amerikanischen und asiatischen Institutionen und Sammlungen beherbergt sind. Das Kunsthaus Zug begegnet der vergleichsweise geringen Sichtbarkeit in der Schweiz mit einer exklusiven, von Matthias Haldemann kuratierten Schau von Malereien, die aus der Privatsammlung des Zuger Ehepaars Pierre und Joëlle Clément stammen. Die dichte, regionalgeografische Hängung der rund achtzig Werke aus dem Zeitraum von 1998 bis 2008 lenkt den Blick auf die Intensität der Farbigkeit, die durch den Kontrast im White Cube zusätzlich verstärkt wird. Überraschend vielfältig zeigt sich die Obsession zur formalen Überfülle an Punkten und Linien, wobei sich die inhaltliche Ebene der Gemälde von Maisie Bundey, Lorna Ward Napanangka oder ­Minnie Motorcar Pwerle nur schwerlich deuten lässt und in enger Verwandtschaft zum spirituell-religiösen Gedankengut des Animismus der Urvölker steht. Die Vorstellung der «Allbeseeltheit» der Dinge widerspiegelt sich in der malerischen Ästhetik, die – an Horror Vacui erinnernd – sämtliche leeren Flächen mit Darstellungen und ­Ornamenten füllt und bei der Betrachtung eine faszinierende Immersion hervorruft. Ein Museumsflügel ist der ersten europäischen Retrospektive der ­Künstlerin ­Emily Kame Kngwarreye (1910–1996) gewidmet, die mit ihren grossformatigen Gemälden zu den bekanntesten Vertreterinnen der Aborigines-Malerei gehört. Da die Künstlerin erst im Alter von 74 Jahren auf Leinwand zu malen begann, ist ihr Spätwerk umso bemerkenswerter, es manifestiert sich als farbintensives Konvolut abstrakter Bildsprachen. Ausgeprägte lineare Strukturen in der Horizontalen und Vertikalen formieren sich zu mehrschichtigen Überlagerungen, die als bildhaftes Informationssystem für ihre beiden zentralen Motive, das Emu und die Yamswurzel, funktionieren. Einem wachstumsdynamischen Rhythmus folgend, sind wegweisende Knotenpunkte ersichtlich, deren tiefere Bedeutungsebene sich jedoch der westlichen Betrachtungsweise weitestgehend entzieht. 

Bis 
12.01.2020

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