Tadeusz Kantor — Gestern war die Welt noch weiss

Tadeusz Kantor (li.), Où sont les neiges d’antan, Aufführung in Paris, 1982, Cricoteka, Courtesy Maria ­Kantor & Dorota Krakowska / Tadeusz Kantor Foundation. Foto: Jacquie Bablet

Tadeusz Kantor (li.), Où sont les neiges d’antan, Aufführung in Paris, 1982, Cricoteka, Courtesy Maria ­Kantor & Dorota Krakowska / Tadeusz Kantor Foundation. Foto: Jacquie Bablet

Tadeusz Kantor · Où sont les neiges d’antan, Ausstellungsansicht Museum Tinguely, Basel, 2019. Courtesy Cricoteka; Maria ­Kantor & Dorota Krakowska / Tadeusz Kantor Foundation. Foto: Nicolas Lieber

Tadeusz Kantor · Où sont les neiges d’antan, Ausstellungsansicht Museum Tinguely, Basel, 2019. Courtesy Cricoteka; Maria ­Kantor & Dorota Krakowska / Tadeusz Kantor Foundation. Foto: Nicolas Lieber

Besprechung

Die Grenze zwischen Lebendigsein und Sterben ist flüchtig. Eine unsichtbare Linie wird zur Substanz für eine Auseinandersetzung mit beiden Zuständen, die doch eins zu sein scheinen und die vom Persönlichen in einen grösseren Kontext führen: Alltägliches wird zur paradoxen, existenziellen Gegenüberstellung.

Tadeusz Kantor — Gestern war die Welt noch weiss

Basel — Die Ausstellung des polnischen Theaterkünstlers Tadeusz Kantor (1915–1990) fragt nach dem ‹Schnee von einst› und zeigt damit eines seiner grossen Bühnenwerke. Kantor arbeitete mit Tönen, Gesten und bewegten Formen. Der Raum, der seiner künstlerischen Arbeit im Tinguely Museum gewidmet ist, lässt sein avantgardistisches Stück ‹Cricotage: Où sont les neiges d’antan›, 1983, auf vielschichtige Art und Weise erlebbar werden. Ergänzend zu einem Theaterfilm und objekthaften Requisiten werden ebenso dokumentarische Fotoaufnahmen der Inszenierung, Originalskizzen des Künstlers und Archivplakate gezeigt. Eine Szenerie, bestehend aus diversen Kostümen, erscheint in ihrer installativen Setzung im Raum wie eine Anordnung skulpturaler Körper: Eine Gruppe aus knittrigen Papierjacken und -hosen hängt an der Wand, wie die Hüllen der Bühnenakteure, die man auf einer Leinwandprojektion nebenan sieht. Das Video der Generalprobe zeigt Ausschnitte aus einer performativen Dramaturgie. Die Schauspieler reagieren unmittelbar aufeinander, ohne festes Skript. Kantor agiert als Regisseur selbst mit und sorgt so als eine Art Fremdkörper für formgebende Brüche im Bühnengeschehen. Der thematisch zentrale Zusammenhang zwischen Leben und Tod wird auf so eindrückliche Weise beleuchtet, dass sich jede Trennung aufzulösen scheint. «Cricotage employs reality», heisst es in einem Text von 1978 über die Produktion. Diese Realität ist fragil und belastbar zugleich. Permanent ist das nahe Bevorstehen einer Katastrophe spürbar. Spannungen werden aufgebaut und auf ihrem Höhepunkt entladen. Hochzeit und Beerdigung gehören zusammen. Ein Tanz mit der toten Geliebten erinnert an die Tradition des Basler Totentanzes. Der Tod ist ein Rabbi, der zum Auftakt des Stücks ein jüdisches Lied spielt – ein schwarzer Stoffsack bläst sich auf und senkt sich ab; Zahnräder rattern: Die ‹Posaune des Jüngsten Gerichts› kündet vom Ende. Zwischendurch wird es still. Ein junger Mann mit bleichem Gesicht zieht sich feingliedrige weisse Kostümteile aus Papier über seinen nackten Oberkörper. Wohin führt das Ganze? An eine Schwelle, vor eine tiefe Abgründigkeit, die zugleich eine grosse lebendige Kraft freisetzt. Kantor arbeitete mit unabhängigen Schauspielern eines Untergrundtheaters die Geschichte Polens auf und legte damit alte Wunden frei, die berührt werden können. Seine Stücke wirken disziplinübergreifend und radikal und sie eröffnen einen neuen Raum, der sich genau zwischen Bühne und Öffentlichkeit befindet. 

Bis 
05.01.2020
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Tadeusz Kantor: Où sont les neiges d’antan 09.10.201905.01.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Tadeusz Kantor
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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