Annemarie Schwarzenbach — Abziehbilder der Gegenwart

Annemarie Schwarzenbach · Margot Lind in Sils, Engadin, Schweiz, 1936, Schweizerisches Literatur­archiv / Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Nachlass Annemarie Schwarzenbach

Annemarie Schwarzenbach · Margot Lind in Sils, Engadin, Schweiz, 1936, Schweizerisches Literatur­archiv / Schweizerische Nationalbibliothek, Bern, Nachlass Annemarie Schwarzenbach

Unbekannt · Porträt von Annemarie Schwarzenbach mit Kamera, 1939, Esther Gambaro, Nachlass von Marie-Luise Bodmer-Preiswerk

Unbekannt · Porträt von Annemarie Schwarzenbach mit Kamera, 1939, Esther Gambaro, Nachlass von Marie-Luise Bodmer-Preiswerk

Besprechung

Das Zentrum Paul Klee präsentiert eine Ausstellung zu den noch wenig rezipierten Fotografien von Annemarie Schwarzenbach. Die in sechs zeitaktuelle Themenschwerpunkte unterteilte Bilderschau erweitert auf gekonnte Weise den Blick auf das Talent einer Wort-, Bild- und Lebenskünstlerin.

Annemarie Schwarzenbach — Abziehbilder der Gegenwart

Bern — Selbstbilder formen sich nach Vorbildern. So einfach ist das. Leider ist der Kontinent der «Weiblichkeit(en)» – und der Menschheit überhaupt – mit vorbildhaft emanzipierten Persönlichkeiten immer noch nicht überbevölkert und hat mit Ruth Bader Ginsburg gerade wieder eine ihrer bekannteren US-amerikanischen Vertreter*innen verloren. Dass auch die Schweiz auf ein beispielgebendes, weil die Grenzen des Gewohnten durchbrechendes Frauen*-Leben zurückblicken kann, zeigt aktuell eine Ausstellung im Zentrum Paul Klee. ‹Aufbruch ohne Ziel› widmet sich dem bisher weniger bekannten fotografischen Werk der bekannten Schriftstellerin, Journalistin, Reisenden und Kosmopolitin Annemarie Schwarzenbach. Die Schau ist also Vor-Bild im wahrsten Sinne des Wortes – und bildet ein Leben ab, das sich in den kurzen Jahren zwischen 1908 und 1942 vor allem auf Reisen zwischen Berlin, dem Iran, Irak, der Türkei, Russland, den USA, Marokko oder Portugal – und darüber hinaus vorrangig in Beziehungen zu Frauen wie den Fotografinnen Marianne Breslauer, Barbara Hamilton-Wright oder der Schriftstellerin Ella Maillart ereignet hat.
Schöne Bilder sind es – «schön» im Sinne von stark, unumwunden und unaufgeregt. Ganz so wie die auf den Fotografien Abgebildeten: Barbara Hamilton-Wright in den Kohlefeldern von Mount Pleasant, USA, mit einem auf die Ferne ­fokussierten Blick, unabhängig, bestimmt, am Rand von Zugschienen stehend. Oder Margot Lind, eine junge Frau, breitbeinig auf dem Gelände eines Engadiner Balkons hockend, Gesicht zur Sonne, eine Zigarette in der Hand. Oder auch: Schwarzenbach selbst, schwarz-weiss gestreiftes Jackett, kurz getrimmtes Haar, die Hände an der Kamera – jegliche Unterordnung unter «irgendwas» allein durch ihre scheinbar unerschütterliche Erscheinung in Frage stellend. Dass Schwarzenbachs Fotografien ebenso wie ihre von literarischem Ausnahmetalent geprägten (persönlichen und) politischen Texte heute zeitaktueller denn je sind, ist die andere Besonderheit der aus ihrem Nachlass  zusammengestellten Ausstellung. Eine Zitadelle in Aleppo/Syrien, eine karg-felsige Landschaft im Irak, oder auch eine Mutter mit Kind in Afghanistan – jedes Bild ist für sich topografisches Abziehbild zeitaktueller Weltgeschehnisse, die unweigerlich vor dem inneren Auge der Ausstellungsbesucherin vorüberziehen. Unterlegt von weitsichtigen Worten zur Lage einer einstigen Weltnation: «Die Vision eines besseren Lebens, der langgehegte amerikanische Traum, wird schattenhaft […].» Geschichten der Gegenwart – prägnant und gekonnt in Wort und Bild gesetzt. 

Bis 
03.01.2021

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