Arts et Cinéma: Ästhetische Paarläufe und ideologische Allianzen

Jean-Luc Godards · Pierrot le fou, 1965, Filmstill, Jean-Paul Belmondo als Ferdinand, Courtesy Studio ­Canal – Société Nouvelle de Cinématographie / Dino de Laurentis Cinematografica SPA © ProLitteris

Jean-Luc Godards · Pierrot le fou, 1965, Filmstill, Jean-Paul Belmondo als Ferdinand, Courtesy Studio ­Canal – Société Nouvelle de Cinématographie / Dino de Laurentis Cinematografica SPA © ProLitteris

Gérard Fromanger · Paramount Cinéma, aus der Serie ‹Boulevard des Italiens›, 1971, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm, Fondation Gandur pour l’Art, Genf. Foto: André Morin

Gérard Fromanger · Paramount Cinéma, aus der Serie ‹Boulevard des Italiens›, 1971, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm, Fondation Gandur pour l’Art, Genf. Foto: André Morin

Besprechung

Vor drei Jahren zelebrierten das Aargauer Kunsthaus und die Solothurner Filmtage mit ‹Cinéma mon amour› die Begeisterung vieler zeitgenössischer Kunstschaffender für das Kino. Nun hat die Fondation de l’Hermitage die Regie übernommen und blickt auf Berührungspunkte der 1870er- bis 1960er-Jahre zurück.

Arts et Cinéma: Ästhetische Paarläufe und ideologische Allianzen

Lausanne — Bébel greift zum Pinsel. In einem Blauton, der nicht zufällig an Yves Kleins «International Klein Blue» und Nicolas de Staëls späte Mittelmeerlandschaften erinnert, bemalt er sein Gesicht und irrt mit zwei Dynamitgürteln zur Küste. Peu après: Bumm! Es ist die berühmte finale Sequenz von ‹Pierrot le fou›, dem offiziellen Beitrag Frankreichs zum Filmfestival von Venedig 1965. Ganz im Sinn der Nouvelle Vague bricht Jean-Luc Godard darin provokativ mit der Bourgeoisie und bekräftigt dies – von Renoir bis zur jungen Pop Art – mit zahlreichen Querbezügen zur Kunst. Er arbeite, so meinte Godard einmal, wie ein Maler. Und im Spätwerk ‹Histoire(s) du cinéma› von 1997–98 suggeriert er: Das Kino begann mit Manet.
Auch die Ausstellung ‹Arts et Cinéma›, welche die Fondation de l’Hermitage in Kooperation mit der Cinémathèque française in der Rolle der Hauptleihgeberin zeigt, beginnt quasi beim Impressionismus. Nach kurzem Vorspann, der bei Géricault, Diday, Muybridge, Marey, Londe und panoptischen Polyoramen Anlauf holt, um den Drang nach Bewegung und Zeitfluss im unbewegten Bild zu illustrieren, wird Godards Diktum belegt, die Erfinder des Films, Auguste und Louis Lumière, seien die letzten Impressionisten gewesen. Ein vor laufender Kamera mit einem Goldfischglas inszeniertes Mädchen, das in einem Werk von Berthe Morisot ein älteres Pendant hat, ist ein rührendes Beispiel dafür. Städtische Szenen mit Pferdetrams finden ihr Echo in einer waghalsigen Darstellung Bonnards, in Farbe gefilmtes Strandleben in Deauville in Bildern von Boudin. Nach diesem Analogiekonzept beleuchtet die Schau auch den Kubismus, den deutschen und den russischen Expressionismus, die abstrakten Avantgarden und den Surrealismus. Die Erzählspule surrt also in hohem Tempo, was zuweilen zum Einstieg über hinlänglich Bekanntes zwingt. Doch hält dieser Episodenfilm auch viel Rares bereit. Speziell überzeugen dabei jene Kapitel, die intrinsisch aufgebaut sind, also etwa auf Kollaborationen oder direkten Bezugnahmen beruhen. So trifft man zum Beispiel am Schluss neben dem Ausschnitt aus ‹Pierrot le fou› und weiteren ikonischen Godard-Materialien auf ein Polit-Manifest, das der Filmemacher gemeinsam mit Gérard Fromanger, einem der führenden Exponenten der französischen Pop Art und Figuration narrative, realisiert hat. In dem kurzen Streifen mit dem Titel ‹Le Rouge. Film-tract n° 1968› ist das Rot der Trikolore die Protagonistin. Zäh wie Blut fliesst es dahin und wird zum Symbol für die aufständisch gestimmte Gesellschaft. Auch darin liegt Sprengkraft.

Bis 
03.01.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Arts et Cinéma 04.09.202003.01.2021 Ausstellung Lausanne
Schweiz
CH
Künstler/innen
Jean-Luc Godard
Autor/innen
Astrid Näff

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