Aufhellung des Interieurs

Eveline Cantieni · Stricktrick, … auftrennen, …, 2020, Video, Loop, s/w, 2’2’’, Projektion

Eveline Cantieni · Stricktrick, … auftrennen, …, 2020, Video, Loop, s/w, 2’2’’, Projektion

Theres Liechti · Schauen, 2020, Video, Loop

Theres Liechti · Schauen, 2020, Video, Loop

Hinweis

Aufhellung des Interieurs

Winterthur – Frauenpower ist angesagt, ebenso subversiv wie poetisch und auf besondere Art rücksichtsvoll, mit Rücksicht nämlich auf einen kunst- und geschichtsträchtigen Ort, wo schon immer Frauen eine bedeutende Rolle gespielt haben. Allen voran Hedy Hahnloser-Bühler, die vor hundert Jahren mit ihrem Mann eine reiche Sammlung aufbaute, die in der Stiftung Hahnloser/Jaeggli weiterlebt, deren Werke in wechselnden Konstellationen bis 2014 in der Villa Flora gezeigt wurden. Anschliessend begann die Zeit der Gastausstellungen, die nun, vor der Sanierung und Erweiterung des Hauses (Wiedereröffnung 2023) mit ‹Aufhellung des Interieurs› zu Ende geht. Ein Septett erfahrener Künstlerinnen, die in Winterthur und Zürich zu Hause sind, reagiert auf die räumlichen Gegebenheiten und stellt assoziativ, spielerisch, die «grossbürgerliche Idylle» in ein neues Licht. So sagt es Katharina Henking, von der die Idee stammt und die das Projekt leitet. «Was wird aus dem Gewesenen?» scheint ihre mitten im Salon zum bunten Hügel aufgeschüttete Installation aus geschredderten ‹Flora›-Ausstellungsplakaten zu fragen, und auch der hängende Hain aus abgelebtem organischem Material oben in der Galerie gibt leise Anworten auf diese Frage. Das Eckzimmer gehört Ursula Palla und ihrem ‹salon de caramel›. Stühle und Tisch sind ‹Flora›-Möbeln nachgebildet, die bis zum Ende der Ausstellung dahinschmelzen werden – «Noch eine klebrige Masse zeugt von verschwundner Pracht», mag man denken.
Die Fragilität der Dinge, des Lebens gehört zu den geheimen Leitsätzen dieser Schau. Eveline Cantieni zeigt es in ihrem Stricktrick-Auftrenn-Video in der Bibliothek wunderbar widerständig. Keine Auflösung in Sicht; das Ende ist sowieso ungewiss. Das weiss auch Georgette Maag, die im Grafikraum, am unteren Ende der Treppe, ihre Bodenprojektion ‹Abgang› als endlosen Abstieg ins Abgründige präsentiert. Unsichtbar erklingt dazu Ida Dobers Sound­installation körpereigener Geräusche. Die beiden kommen oben im Durchgangszimmer erneut zusammen. An der gestreiften Tapetenwand lehnen die verschiedensten ‹Stäbe›, in denen so manches anklingt: heiter-brüchig getaktetes Unterwegssein, Aspekte von Zeit, Wandel. Maags listiges ‹Pendel›-Video passt wunderbar dazu. Listig ist auch Theres Liechtis Video ‹Schlecken›. Nur so viel sei verraten: Das ist echt tierische Kunst. Deren kleine Urheberin blickt uns in der Galerie gross und treu entgegen, sinnigerweise platziert zwischen Überwachungskamera und Notausgang. Zuletzt, in der hellen Veranda, begegnen wir den zarten Luftwesen von Victorine Müller, durchsichtig, beatmet. Ihr geheimnisvolles inneres Leuchten mag gerade in diesem Kontext noch einmal an das kunstvoll gelebte Leben der ‹Flora› erinnern.

Bis 
19.12.2020

Werbung