Der erschöpfte Mann — Kann er sich neu erfinden?

Laokoon-Gruppe, Gipsabguss des frühen 19. Jahrhunderts nach dem antiken Marmororiginal im ­Vatikan, Courtesy Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig, Skulpturhalle

Laokoon-Gruppe, Gipsabguss des frühen 19. Jahrhunderts nach dem antiken Marmororiginal im ­Vatikan, Courtesy Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig, Skulpturhalle

‹Der erschöpfte Mann›, 2020, Ausstellungsansicht Schweizerisches Landesmuseum Zürich

‹Der erschöpfte Mann›, 2020, Ausstellungsansicht Schweizerisches Landesmuseum Zürich

Besprechung

Er muss heroisch und stark sein, denn Verletzlichkeit gilt als unmännlich. Die Ausstellung ‹Der erschöpfte Mann› im Landesmuseum ermutigt dazu, althergebrachte Rollen abzulegen und Raum für neue zu schaffen. Die Kuratoren greifen ein relevantes Thema auf, zeigen dabei aber auch einige blinde Flecken.

Der erschöpfte Mann — Kann er sich neu erfinden?

Zürich — Wir blicken in das leidende Gesicht von Laokoon. Mit letzter Kraft versucht er sich gegen die Schlagen zu wehren, die Apollo auf ihn hetzte. Denn Laokoon wagte es, Sex auf dem Altar des Gottes zu haben. Nun winden sich die Schlangen um seine Beine, um die Körper seiner Söhne, die mit ihm qualvoll verenden werden. Mit diesem tragisch gefallenen Mann eröffnet das Landesmuseum seine Ausstellung und schlägt eine Brücke von der Antike bis in die Gegenwart. Hinter der Skulpturengruppe ist auf einer grossformatigen Leinwand eine Aufnahme des Fussballspielers Zine­dine Zidane zu sehen, der aufgrund eines Fouls vom Platz verwiesen wurde. Grössenwahnsinn wurde beiden Männern zum Verhängnis.
Die Ausstellung thematisiert, wie Männer immer wieder an ihren eigenen Idealen scheiterten, die sie glaubten verkörpern zu müssen: Stärke, Dominanz oder Zielstrebigkeit. Diese Rollenbilder sind nun erschöpft, was Wege für Neuschöpfungen öffnet, so das Narrativ der beiden Kuratoren Juri Steiner und Stefan Zweifel. Schliesslich sei heute alles möglich. «Heute stehen wir an einer Schwelle, wo man sich als Mann neu erfinden kann», verkündet einer der Texte in der Ausstellung. Eine wünschenswerte und doch zu kurz gedachte Vorstellung, wird dabei doch etwas Wesentliches ausser Acht gelassen. Denn ein Rollenbild wählt man selten selbst, sondern es wird von Normen, Werten und Vorstellungen auferlegt, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Wir lernen von klein auf, wie man als Mädchen oder Junge zu sein hat.
 Bei der Frage, wie neue Ideale von Männlichkeit entstehen könnten, wird in der Ausstellung auf den Surrealismus verwiesen, als Künstler mittels Travestie bestehende Geschlechterrollen hinterfragten. Dass es sich dabei um eine Szene handelte, in der mehrheitlich Männer Künstler und Frauen deren Musen waren, wird allerdings nur am Rande erwähnt. Auch die verschiedenen Filmszenen mit James Dean oder Brad Pitt können nur bedingt einen Ausblick auf die sich wandelnde Männlichkeit geben. Denn ob Hollywood mit all seinen Stereotypen der geeignete Ort für Neuschöpfungen ist, scheint fragwürdig. In diesem Raum ist auch die Skulptur des Hermaphroditos anzutreffen, der einen (ironischen?) Querbezug auf die Auflösung der Geschlechter herstellen soll. Die Ausstellung greift ein relevantes Thema auf: Es ist notwendig neue Männerbilder zu entwerfen. Doch die Ausblendung der Frage, ob diese «neuen Bilder» in unserer Gesellschaft auch tatsächlich gelebt werden können, lässt mich etwas ratlos zurück.

Bis 
10.01.2021

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