Lee Miller — Im Abgrund der Wirklichkeit

Lee Miller · Released prisoners in striped prison dress beside a heap of bones from bodies burned in the crematorium, KZ Buchenwald, 1945, Schwarzweissfotografie, Courtesy Lee Miller Archives England

Lee Miller · Released prisoners in striped prison dress beside a heap of bones from bodies burned in the crematorium, KZ Buchenwald, 1945, Schwarzweissfotografie, Courtesy Lee Miller Archives England

Besprechung

Lee Miller, diese unerschrockene Künstlerin, hat ein noch immer zu entdeckendes Werk hinterlassen. Ob ästhetisch-abgründige Kompositionen oder Bilder von dem, was Menschen tun und ­einander antun: Das Museum für Gestaltung zeigt die ‹Fotografin zwischen Krieg und Glamour› als bildstarke Augenzeugin.

Lee Miller — Im Abgrund der Wirklichkeit

Zürich — Eine elektrisierende Frau, vielseitig begabt, mutig und selbstbewusst, verletzlich und von einer ausserordentlichen Sensibilität. Vor allem: eine Frau mit einer besonderen Sichtweise, die noch ihren düstersten Bildern fast immer jenen «flash of poetry» verleiht, den sie, schon früh für Film begeistert, in den «motion pictures» erkennt. Und schön war sie auch. Karin Gimmi und Co-Kurator Daniel Blochwitz zeigen mit rund zweihundert Werken die ganze Bildwelt von Elizabeth «Lee» Miller (1907–1977); sie wird ergänzt durch ein Gespräch mit Millers Enkelin und den aparten Film ‹L’amour à l’œuvre – Lee Miller et Man Ray› (Arte, 2019), der eine Basis legt für das, was einen in den zehn thematisch und chronologisch gegliederten Kapiteln erwartet.
Zunächst rückt sie selbst ins Bild: als junge Frau, die schon als Kind gewohnt war, für ihren Vater zu posieren; als Model der Stunde für die Zeitschrift ‹Vogue› und gros­se Fotografen ihrer Zeit. Bald aber wechselt sie die Seite und wird zur gefragten Fotografin. Prägend für ihre Bildsprache werden die Pariser Jahre, wo sie im Umkreis der Surrealisten von Man Ray lernt, für den sie Model, Muse, Mitarbeiterin und Geliebte ist, und wo sie sich rasch von der traditionellen (Mode-)Fotografie emanzipiert. So spannend und charakteristisch auch die späteren Porträts von Künstlern, Schriftstellern, Freunden – Lee Miller ist in zweiter Ehe mit dem britischen Surrealisten Roland Penrose verheiratet – sein mögen, ihre packendsten Aufnahmen sind die zwischen 1930 und 1946 entstandenen. Da können reale Köpfe zu Kopfobjekten werden, Steine so beredt wie Körper sein. Wirklichkeit als fragwürdige Angelegenheit, geheimen Hintersinn blosslegend. Ähnliches gilt für Millers Jahre in Ägypten, wohin sie ihrem ersten Ehemann folgte; Paradebeispiel für ihr gestaltendes Auge ist das ikonische ‹Portrait of Space›, 1937, das beim Blick durch ein zerrissenes Moskitonetz auf eine Wüstenlandschaft Raum und Sehen thematisiert. Zu Kriegsbeginn zieht Miller zu Penrose nach London und wird wenig später zur engagierten Fotografin des ‹London Blitz›, 1942 dann, als gebürtige Amerikanerin, Kriegsfotografin der US-Armee, die dem Kriegsgeschehen gefährlich nah kommt und dem Pubikum der ‹Vogue› alles zumutet. Dachau, Buchenwald: Dem unfassbaren Grauen begegnet sie mit emotionalen Bildberichten – beredt, surreal, einzelne von seltsamer Schönheit. Weitermachen und vergessen lautet ihre Devise nach dem Krieg. Doch auch Land­leben und fantasievolle Kochkunst helfen nicht gegen die traumatischen Erfahrungen. Die verstörenden Bilder lassen sie nie mehr los. 

Bis 
03.01.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Lee Miller 28.08.202003.01.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Lee Miller

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