No Dandy, No Fun — Im Goldrausch des Nichts

No Dandy, No Fun, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto Stefan Burger 

No Dandy, No Fun, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2020. Foto Stefan Burger 

Bernadette Van-Huy · Monopoly Win; Do Not Disturb; Picnoleptic; Blades of Grass, alle 2018, ­Ausstellungsansicht ‹No Dandy, No Fun›, Kunsthalle Bern, 2020. Foto Stefan Burger

Bernadette Van-Huy · Monopoly Win; Do Not Disturb; Picnoleptic; Blades of Grass, alle 2018, ­Ausstellungsansicht ‹No Dandy, No Fun›, Kunsthalle Bern, 2020. Foto Stefan Burger

Besprechung

Mit ‹No Dandy, No Fun› zeigt die Kunsthalle Bern eine reichhaltige Spurensuche «nach einem Abwesenden», wie es das Kuratorenduo Hans-Christian Dany und Valérie Knoll beschreiben. Die Schau ist auch eine künstlerische Auslegeordnung, die auf intelligente Weise mehr Fragen denn Antworten generiert.

No Dandy, No Fun — Im Goldrausch des Nichts

Bern — Am Ende – und das ist eine Qualität – verlässt man die Ausstellung mit derselben Frage, mit der man sie betreten hat: «Ein Dandy, wer soll das heute noch sein?» Schwer zu sagen in Zeiten, in denen ein Anti-Dandy wie Donald Trump das Spiel mit der Fiktion auf die Spitze treibt, in denen hochstilisiertes, scheinbar androgynes Hipster-Understatement den «guten» Ton in der Mode bestimmt und «Protest» zur Instagram-tauglichen Identifikationsschablone der jungen Generation geworden ist.
Beim Durchwandern der Berner Kunsthalle fragt man sich also, welche dandy­eske Haltung sich heute noch hinter dem Verbrennen von Geldscheinen im Wert von einer Million Pfund finden lässt. Als die ruhmreiche Elektro- und House-Band The KLF diese Geste 1994 vor laufender Kamera performte, mag sie noch wirkmächtig gewesen sein. Auch sinniert man, ob die Picaro-Visage einer Bernadette Van-Huy im Dandy-Look unter dem Titel ‹Monopoly Win›, 2018, Neues über den Glücksspielcharakter unserer Gegenwart verrät. Überhaupt stellt sich die vielleicht entscheidende Frage nach der Frau als Dandy oder nach dem Black Dandy – gerade auch im Vergleich zu den gezielt «weiblichen» Überinszenierungen mutiger belarussischer Demonstrantinnen in aktuellen Medien: In ihrer Performance ‹Kunst muss hängen› von 2001 imitierte Andrea Fraser im schwarzen Anzug eine Tischrede des Berufsprovokateurs Martin Kippenberger – gelebtes Dandytum oder Aneignung von «Männlichkeit(en)»? Elaine Sturtevant hingegen zeigt mit ‹Beuys La rivoluzione siamo noi›, 1988, eine gekonnt bildmächtige Reinszenierung von Joseph Beuys – dandyeske Grenzverletzung oder Reinstallation eines «männlichen» Künstlermythos? Im Untergeschoss begegnen wir im letzten Ausstellungsraum – und damit etwas unglücklich platziert – der Narration über den um 1800 lebenden Julius Soubise, der als freigelassener Sklave in der Londoner High Society mit seiner «schwarzen Maske» spielte. Es ist das wohl einprägsamste, weil zeitaktuellste Stück (Selbst-)Kritik der Schau.
Am Ende wirkt es so, als habe ein Dandy – gerahmt von einem klugen Text über die ‹Ästhetik der Existenz› des Theorie-Dandys Foucault – die requisiten-, kunst- und andeutungsreichen Inhalte seiner Hosentaschen vor einem ausgeleert. Als müsse man die Ausstellung ‹No Dandy, No Fun› nochmals von vorne anschauen. Und lieferte dann Lutz Bachers ‹It’s golden›, 2013 – ein sakraler,  goldgelb phosphoreszierender Raum «bar» jeder Kunst – die eigentliche Antwort auf die Frage, was ein Dandy heute noch ist oder sein könnte. 

Bis 
06.12.2020
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
No Dandy, No Fun 25.11.202017.01.2021 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Autor/innen
Verena Doerfler
Künstler/innen
Andrea Fraser
Elaine Sturtevant

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