Politisierung der Kunst — Über die Notwendigkeit von Spielräumen

Eugen Gomringer · avenidas, 2013, Gedicht auf der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin (2016 entfernt) © ASH Berlin

Eugen Gomringer · avenidas, 2013, Gedicht auf der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin (2016 entfernt) © ASH Berlin

Ai Weiwei · Installation Konzerthaus Berlin, 2016, Mahnmal mit ca. 1700 Rettungswesten. Foto: Oliver Lang

Ai Weiwei · Installation Konzerthaus Berlin, 2016, Mahnmal mit ca. 1700 Rettungswesten. Foto: Oliver Lang

Harry Lehmann. Foto: Frank Paul

Harry Lehmann. Foto: Frank Paul

Fokus

Bilder werden aus Museen entfernt, Gedichte übermalt, Kunstschaffende aufgrund ihrer politischen Äusserungen von Ausstellungen ausgeladen. Folgt man dem deutschen Philosophen Harry Lehmann, so erleben wir gegenwärtig eine neuartige Poli­tisierung der Kunst – auch auf Rezeptionsebene –, die deren historisch errungene Freiheiten in Frage stellt. 

Politisierung der Kunst — Über die Notwendigkeit von Spielräumen

Jana Bruggmann: Herr Lehmann, Sie haben Bücher über die Autonomie der Kunst­kritik, über die digitale Revolution der Musik und über Ästhetik veröffentlicht. Zur­zeit beschäftigen Sie sich vor allem mit der zunehmenden Politisierung der Kunst.
Harry Lehmann: Ja, es fällt auf, dass politische Themen in der Kunst Konjunktur haben. Es geht um Migration, Klimawandel, Rassismus oder Gendergerechtigkeit. Die Politisierung findet sowohl in der Produktion als auch in der Rezeption von Kunst statt.Und sie beginnt, den Zugang zu den Kunstszenen und Institutionen zu regulieren.

Bruggmann: «Politisch», darunter lässt sich vieles fassen. Wie lautet Ihre Definition von politischer Kunst?
Lehmann: Ich unterscheide zwischen einem schwachen und einem starken Begriff von politischer Kunst. Im ersten Fall handelt es sich um Kunst, die politische Themen behandelt. Das gab es natürlich schon immer. Selbst der abstrakte Expressionismus verstand sich manchmal als politische Kunst, man denke nur an die ‹Elegien für die spanische Republik› von Robert Motherwell. Ich glaube aber nicht, dass man heute mit einem derart weit gefassten Begriff von politischer Kunst noch arbeiten kann.

Bruggmann: Sondern?
Lehmann: Man braucht einen viel trennschärferen Begriff, um die gegenwärtige Entwicklung analysieren zu können. Entscheidend ist, dass Künstlerinnen und Künstler eben nicht nur politische Themen ansprechen, sondern in einem politischen Konflikt darüber hinaus auch Partei ergreifen.

Bruggmann: Hätten Sie hierzu ein Beispiel?
Lehmann: Die Installation von Ai Weiwei am Berliner Konzerthaus ist politische Kunst im engeren Sinne. Im Februar 2016 hat der Künstler die Säulen des Schinkelbaus mit etwa 1700 Rettungswesten eingekleidet. Zusätzlich war da noch ein Schlauchboot mit der Botschaft «Save Passage» zu sehen. Damit ergriff er Partei im Konflikt um die europäische Flüchtlingspolitik. Ai Weiwei versteht sich denn auch selbst als Künstler und Aktivist.

Bruggmann: Die ‹Süddeutsche› sprach von einem «Mahnmal für ertrunkene Flücht­­linge». Das Werk war als politische Botschaft gedacht und wurde als solche verstanden. Wenn Sie von einer Politisierung der Kunst auf der Rezeptionsebene sprechen, dann meinen Sie jedoch etwas anderes ...
Lehmann: Es geht um Kunstwerke, die plötzlich politisch gelesen werden. Das Gedicht ‹avenidas› des Lyrikers Eugen Gomringer ist so ein Fall. Es wurde 2018 von der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin entfernt, weil die Studierenden es als frauenfeindlich wahrnahmen. Das ist eine politische Rezeption eines an sich apolitischen Gedichts.

Bruggmann: Und wo sehen Sie eine Regulierung des Zugangs zum Kunstsystem?
Lehmann: Nehmen wir den Fall des Leipziger Künstlers Axel Krause. Er wurde im Juni 2016 von der Leipziger Jahresausstellung ausgeladen, nachdem bekannt wurde, dass er mit der AfD sympathisiert. Die Absage war nicht ästhetisch, sondern politisch begründet. Am Werk allein hätte man seine politische Einstellung nicht ablesen können.

Bruggmann: Einen Grund für die Politisierung der Kunst sehen Sie in der Polarisierung der Gesellschaft. Wie lässt sich diese erklären?
Lehmann: Die Polarisierung der Gesellschaft hängt damit zusammen, dass wir uns in einer politischen Umbruchphase, einem sogenannten politischen «Realignment», befinden. Ausgelöst durch tiefgreifende Veränderungen in den Lebensverhältnissen, verändern sich auch die politischen Einstellungen und Interessen grösserer Wählergruppen. Diese beginnen, sich an einer neuen Konfliktlinie auszurichten.

Bruggmann: Wo verläuft diese neue Linie?
Lehmann: Ich denke, es geht heute vor allem um «Grenzfragen», die sich in den letzten Jahrzehnten infolge der Globalisierung aufgestaut haben. Der offensichtlichste politische Konflikt betrifft die Frage, wie stark die Grenzen des Nationalstaats geöffnet oder geschlossen werden sollen. Aber eben nicht nur. Die entsprechenden Fragen multiplizieren sich und tangieren den Umgang mit Gütern, Dienstleistungen, Kapital, Arbeitskräften, Flüchtlingen, Asylsuchenden, Menschenrechten ...

Bruggmann: Geht es dabei nicht auch nach wie vor um den Konflikt zwischen links und rechts? Zumindest in der politischen Landschaft der Schweiz.
Lehmann: Die gegenwärtige Neuformierung des politischen Raums wurde in West- und Nordeuropa ausgelöst durch das Erstarken rechtspopulistischer Parteien. In Süd­europa haben diese Funktion eher linkspopulistische Bewegungen erfüllt. Sobald sich dieses «Realignment» vollzogen hat, wird der Populismus in liberalen Demokratien auch wieder an Einfluss verlieren. Allerdings: In der Schweiz hat dieser Prozess viel früher eingesetzt. Die Schweizerische Volkspartei verwandelte sich unter Christoph Blocher schon in den 1990er-Jahren in eine rechtspopulistische Partei, da hat es die AfD noch gar nicht gegeben.

Bruggmann: Ich bin nicht sicher, ob sich hier ein Eins-zu-eins-Vergleich ziehen lässt, zumal sich die politischen Systeme doch unterscheiden.
Lehmann: Sicherlich, die Schweiz verfügt mit ihren vielen Volksabstimmungen über ­eine viel direktere Form von Demokratie. Dadurch können sich Transformationen des politischen Raums auch viel kontinuierlicher und weniger abrupt vollziehen.

Polarisierung und die Freiheit der Kunst
Bruggmann: Dennoch findet Polarisierung statt. Jüngst ist von einer politischen Rechtsverschiebung in der Kunst die Rede. Ich denke da an die Ankündigung der rechtslastigen ‹Weltwoche›, dass sie ihren Feuilletonteil ausbauen will – worauf mit Empörung reagiert wurde. Das erinnert an Wolfgang Ullrich, der in seinem Artikel ‹Auf dunkler Scholle› in der ‹Zeit› behauptet hat, dass die Freiheit der Kunst nicht mehr von links, sondern von rechts verteidigt werde. Wie sehen Sie das?
Lehmann: Ich bin nicht sehr glücklich mit der Einteilung in linke und rechte Kunstschaffende. Auch dies ist eine weitere Form der Politisierung der Kunst. Die Kunstkritik verstärkt mit dieser Unterscheidung noch einmal die eh schon vorhandene Polarisierung der Gesellschaft.

Bruggmann: Stimmen Sie Ullrichs Einschätzung ansonsten zu?
Lehmann: Nein, ich würde nicht sagen, dass die Autonomie der Kunst nur von rechts verteidigt wird. Es gibt auch viele linksliberale Künstler und Intellektuelle, die eine Einschränkung der Kunstfreiheit für problematisch halten.

Bruggmann: Damit setzen sie sich wiederum selbst der Kritik aus.
Lehmann: Ja, und das ist auch ein Grund dafür, dass sich die linksliberalen Stimmen heute nur sehr zaghaft zu Wort melden. Denn in einer politisch polarisierten Gesellschaft wird jede Äusserung sofort im Freund-Feind-Schema beurteilt. In einer linken «cancel culture» werden linksliberale Kritiker sehr schnell in eine Schublade mit der Rechten gesteckt.

Bruggmann: Liegt nicht eine Krux der Sache darin, dass sich die Autonomie der Kunst als politischer Kampfbegriff vereinnahmen lässt, unabhängig von der politischen Haltung oder Ideologie? So hatte die Freiheit der Kunst zur Zeit des Kalten Kriegs ja durchaus eine politische Dimension. Die abstrakte Malerei wurde zum Sinnbild der «freien Welt». Sie stellte das Gegenkonzept zum sozialistischen Realismus dar. Aus diesem Grund wurde sie sogar von der CIA gefördert. Welche Autonomie gilt es also zu verteidigen?
Lehmann: Es ist die Autonomie, welche die Kunst in der Mitte des 19. Jahrhunderts erlangte. Mit dem Übergang von einer hierarchisch zu einer funktional differenzierten Gesellschaft bildete sich auch das Kunstsystem als ein autonomer Bereich heraus. Es organisierte sich fortan nach eigenen Regeln, folgte einer Eigenlogik. Dadurch mussten Kunstschaffende in ihren Werken nicht mehr zwangsläufig Rücksicht auf religiöse, moralische und politische Gesichtspunkte nehmen – diese Freiheit sollte nicht leichtfertig preisgegeben werden.

Spielfeld der Kunst im Wandel
Bruggmann: Was steht auf dem Spiel?
Lehmann: Historisch errungene Freiheiten der Kunst. Eine davon besteht darin, dass sie alle Prämissen dessen, was man bislang für Kunst hielt, auch negieren kann. Damit lässt sich in einem Kunstwerk jeder Ausdruck, jede Geste und jede Aussage ironisch brechen. Ich glaube nicht, dass die Kunst sich heute über eine Person wie Greta Thunberg in derselben Weise lustig machen könnte, wie das im postmodernen Ironiemodus bislang bedenkenlos möglich war, von Mohammed-Karikaturen ganz zu schweigen.

Bruggmann: Gibt es nicht teils gute Gründe, über Grenzen der Kunst zu diskutieren? Immerhin musste die Kunstfreiheit verschiedentlich dafür herhalten, Probleme wie Sexismus oder Rassismus unter den Teppich zu kehren.
Lehmann: Liberale Demokratien sind nicht zufällig in der gleichen Zeit entstanden wie die Vorstellung, dass die Kunst eine eigene autonome Urteilssphäre besitzt. Sie gehören beide zur Grundverfassung moderner Gesellschaften, die einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt sind. Dabei können in der Kunst gesellschaftliche Prozesse kritisch reflektiert und verhandelt werden. Das geht aber nur, wenn es ein entsprechendes Spielfeld gibt. Eines, in dem prinzipiell alle Vorannahmen über das, was man in der Gesellschaft gemeinhin für gut und richtig hält, ironisiert, dekonstruiert oder anderweitig in ihrem Geltungsanspruch aufgehoben werden können. Liberale Demokratien müssen nicht nur jede Art von Unsinn und Spott aushalten, sie sind auf diese Freiräume genuin angewiesen.

Jana Bruggmann ist freie Autorin und Doktorandin an der Freien Universität Berlin und lebt in Luzern. jana.bruggmann@gmail.com

Harry Lehmann (*1965), Philosoph, lebt in Berlin. → ‹Kunst und Kunstkritik in Zeiten politischer Polarisierung – Ein Kippmodell des politischen Raumes›, in: ‹Merkur›, Zeitschrift für europäisches Denken, Nr. 853, Juni, 2020 ↗ www.harrylehmann.net

Autor/innen
Jana Bruggmann

Werbung