Lutz, Teufen, Štrba — Das Sichtbare ausloten

Dominique Teufen · Above, 2018, Druck auf Hahnemühle-Papier, Fine Art Baryta, 80 x 120 cm

Dominique Teufen · Above, 2018, Druck auf Hahnemühle-Papier, Fine Art Baryta, 80 x 120 cm

Christian Lutz · Tropical Gift, 2010, Fotoserie

Christian Lutz · Tropical Gift, 2010, Fotoserie

Besprechung

Wie sich mit dem vermeintlich objektiven Medium der Fotografie Unsichtbares sichtbar machen und Sichtbares ­infrage stellen lässt – das zeigt das Musée des Beaux-Arts in La Chaux-de-Fonds in einer Reihe locker miteinander verknüpfter Ausstellungen.

Lutz, Teufen, Štrba — Das Sichtbare ausloten

La Chaux-de-Fonds — In den ersten Räumen des Parcours verströmen Madonnenbilder von Annelies Štrba (*1947) ein geradezu überirdisches Leuchten. Die auf Leinwand gezogenen Fotografien gemalter Marien und realer Mütter haben sich durch fototechnische Bearbeitungen in intensiv farbige, wolkige Abstraktionen verwandelt. Aus stillen Ikonen sind poppige Farbgesten geworden, die sowohl den Abbildungscharakter einer Fotografie wie auch den gesellschaftlichen Stellenwert von Mütterlichkeit und Weiblichkeit hinterfragen. Die Arbeiten von Dominique Teufen (*1975) wirken zunächst wie ein explizites Gegenprogramm zu Štrbas Madonnen-Träumen. Bei Teufen taucht man in stille Landschaften in dämmerigen Grautönen. Gewaltige Bergmassive, schlummernde Seen, sacht sich kräuselnde Wellen am Meeres­ufer – wunderbar meditativ. Die Naturräume in diesen Bildern scheinen unberührt von Menschenhand. Das Gegenteil ist der Fall: Menschenhände haben diese Landschaften erschaffen, genauer gesagt die Hände der aus Davos stammenden Künstlerin. Ob der Firnschnee an der Bergflanke oder eindrucksvolle Wetterstimmungen – bei näherer Betrachtung erweisen diese und andere Naturphänomene sich als zerknittertes Papier und zerknautschte Folie. Teufen zeigt so: Tiefe Naturempfindungen lassen sich auch durch relativ simple Landschaftssurrogate erzeugen.
Um das Ausloten des Sichtbaren geht es in allen fotografischen Positionen, die zurzeit im Musée des Beaux-Arts in La Chaux-de-Fonds zu sehen sind. Um das Sichtbare und das, was sich dahinter verbirgt, was mitgedacht, mitgemeint ist. Der Ausstellungsmix zeigt auch, dass Bilder mit hohem Assoziationspotenzial nicht zwangsläufig die traumartigen, spielerischen Qualitäten der Werke von Štrba und Teufen haben müssen. In einem kleinen Seitenkabinett ist die Fotoserie ‹Tropical Gift› von Christian Lutz (*1973) als Slideshow zu sehen. Die Schwarz-Weiss-Aufnahmen zeigen Verhandlungen zwischen Funktionären grosser Ölgesellschaften und ihren Partnern in Nigeria. Die Bilder sind sehr ästhetisch, was zuweilen den Eindruck von Inszeniertheit erweckt. Andererseits gibt es in der Slideshow immer wieder Bilder, deren Fokus seltsam verrutscht scheint, so, als finde das eigentliche Geschehen räumlich oder auch zeitlich ausserhalb des gewählten Bildausschnitts statt. Die Aufnahmen lesen sich wie eine Short Story, in der vieles so klug angedeutet wird, dass beim Betrachten eine längere und sehr erhellende Geschichte daraus wird. 

Bis 
09.01.2022

→ ‹Annelies Štrba – Aya›; ‹Dominique Teufen – My Travels through the World on my Copy Machine›; ‹Christian Lutz – Tropical Gift›, Musée des Beaux-Arts, bis 9.1. ↗ www.mbac.ch

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Annelies Štrba — Aya 26.08.202109.01.2022 Ausstellung La Chaux-de-Fonds
Schweiz
CH

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