Pierre Huyghe

Pierre Huyghe · Dubbing, 1996, Videoprojektion, 120’; Courtesy Kunsthalle Zürich

Pierre Huyghe · Dubbing, 1996, Videoprojektion, 120’; Courtesy Kunsthalle Zürich

Besprechung

Vor hundert Jahren hat Sigmund Freud gezeigt, wie die Träume entstehen, heute verfährt Pierre Huyghe ähnlich mit der medialen Traumindustrie. Er macht deren Produktionsmechanismen deutlich. Er bricht den kompakten Schein, um das Dahinter, das Ausgelassene und Nichtbeachtete zu zeigen. Aber nicht nur analytischer Natur ist Huyghes Interesse, sondern – gleich wie bei Freud – entstehen neue, höchst intensive Geschichten.

Pierre Huyghe

Der Franzose Pierre Huyghe (*1962 in Paris) hat in wenigen Jahren ein erstaunliches Spektrum an ungewöhnlichen Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt. Er gibt ein Pariser Kleinanzeigenblatt als gebundenes Album heraus, stellt einer schlüsselfertigen Wohnproduktion eine «Architektur des Unfertigen» gegenüber, pflegt öffentliche Kübelpflanzen oder gründet einen «Verein der befreiten Zeit». In Zürich zeigt Huyghe Foto- und Filmproduktionen. Bevor man sein dunkles, nur von projektierten Bildern erhelltes Schatten-Universum betritt, ist man im Entrée mit zwei grossen Fotografien konfrontiert. Sie zeigen unspektakulären öffentlichen Raum und mittendrin je eine normalerweise für Werbung vorgesehene Plakatwand.Auf diesem Bild im Bild ist nicht wie üblich ein verheissungsvoll käufliches Produkt dargestellt, sondern der die Wand umgebende Umraum selbst taucht hier noch einmal auf: ein Stück Strasse, eine Frau, die einkaufen geht. Statt eines industriell gefertigen Endprodukts, wird auf diesen Billboards alltägliches Tun vorgeführt, gemeinhin kaum glorifizierte und fast unbewusst ausgeführte Prozesse, die jedoch Zeit und Raum unseres Alltags dominant bestimmen. Indem Huyghe solche von einer Abwesenheit des Ich-Gefühls geprägten Momente ins Bild bringt, wirft er die seine Arbeiten Betrachtenden gewissermassen auf sich selbst zurück: Wir finden uns selbst in diesen Bildern wieder. So auch in «Dubbing». Die Videoproduktion zeigt in Grossaufnahme eine Gruppe von Synchronsprechern. Gebannt verfolgen sie einen für uns unsichtbaren Film und schenken den dort Agierenden gemäss einem am unteren Bildrand ablaufenden Textband nicht nur ihre Stimme, sondern die ganzen Körper, aufgeregt gestikulierend oder sich entspannend, sind beteiligt. Unter totalem Einsatz vollziehen sie eine vorgegebene Rolle nach. Und ihr Engagement wird gleichsam auf uns übertragen: Auch wir – wie sie – starren gebannt einen Bildschirm an und werden in Produktionsprozesse miteinbezogen, denn erst in unseren Köpfen wird der für uns unsichtbare Film mit Bildern versehen.Pierre Huyghe macht Ausschlussmomente sichtbar und führt dabei die Aufmerksamkeit auf uns selbst und unser Beteiligtsein zurück. Dem unbewussten Konsumieren stellt er die eigene Verantwortlichkeit und Handlung gegenüber und erobert so beschnittene Zeit und verengten Raum zurück.


Bis 
11.03.2000
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Pierre Huyghe 15.01.200012.03.2000 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Pierre Huyghe
Autor/innen
Brita Polzer

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