Kim Sooja in der Kunsthalle Bern

Kim Sooja · A Needle Woman, 2000, Videostill der Performance in Dehli, Foto: Monica Narula

Kim Sooja · A Needle Woman, 2000, Videostill der Performance in Dehli, Foto: Monica Narula

Besprechung

In den letzten Jahren hat die südkoreanische Künstlerin Kim Sooja (*1957) weltweit Anerkennung gefunden mit ihren farbenprächtigen Installationen aus traditionellen koreanischen Kleidern und Bettdecken, die sie auf den Biennalen in Kwangju, Sao Paolo, Lyon und Venedig zeigte. In ihrer ersten grossen europäischen Einzelausstellung in der Berner Kunsthalle präsentiert sie vor allem neue Videoperformances.

Kim Sooja in der Kunsthalle Bern

Kim Sooja bezeichnet sich als «a needle woman». Das Nähen wird von ihr jedoch nicht im herkömmlichen Sinne ausgeübt, sondern in metaphorischer Weise eingesetzt. Am Anfang stand die Faszination mit einem alltäglichen Prozess, mit dem sie während ihres Studiums der Malerei in Seoul Anfang der Achtziger ein grundlegendes Problem der Malerei löste: «Wie kann ich die Oberfläche wirklich durchdringen?» Sie fügte gebrauchte Kleider und Bettdecken von Verwandten und Freunden zu skulpturalen Tableaux zusammen, als Zeugen von Liebe und Lust, Geburt, Hochzeit und Tod. Auf der ersten Kwangju Biennale 1995 verstreute Kim Sooja 2.5 Tonnen Kleider in einem Waldstück, als Erinnerung an den Studentenaufstand und das Massaker in der südkoreanischen Provinzhauptstadt im Jahre 1980. Die BetrachterInnen konnten die Kleider berühren, darauf herumlaufen, sie aufsammeln. Seit 1992 arbeitet die Künstlerin mit den «Bottaris», improvisierten Stoffbündeln, die in Korea als Transportmittel für alle möglichen Gegenstände zum alltäglichen Leben gehören. Die farbenprächtigen symbolgeladenen Bündel sind ständige Begleiter derjenigen, die immer wieder ihr Zuhause verlassen müssen, um vor dem Krieg oder der Armut zu fliehen. Sie verkörpern auch das nomadische Herumreisen der Künstlerin, die als Tochter eines Armeeangehörigen durch ganz Korea zog, die in Paris studiert hat und zur Zeit in New York lebt. Der Film «2727 Kilometers Bottari Truck» spiegelt Kim Soojas 11tägige Performance, die Durchquerung Koreas mit einem Lastwagen, der vollbepackt mit den bunt verzierten Stoffballen war. Sie legte dabei 1998 11’633 Meilen mit dem Bottari-Truck zurück, von Seoul bis Sao Paolo.In verschiedenen Metropolen der Welt ist Kim Sooja als «needle woman» aufgetreten: in Tokyo, Shanghai, Delhi und New York hat sie sich reglos mitten auf geschäftige Hauptstrassen gestellt, als Nadel inmitten des Menschengeflechts. Auf den vier Grossprojektionen der Videoinstallation im Hauptsaal der Kunsthalle erscheint die Künstlerin jeweils im Zentrums des Geschehens, aber in Rückenansicht, seltsam enthoben von den Menschenwellen, die sie umspülen. Die Videoprojektion «A Needle Woman – Kitakyusu» von 1999 zeigt Kim Sooja auf einem hohen Felsen liegend. Ihr Körper, wiederum in Rückenlage, bleibt unbewegt und schmiegt sich an den Felsen, als wäre er selbst aus Stein gemeisselt. Nur die Lichtstimmung verändert sich, die Wolken ziehen vorbei. Als «laundry woman» sitzt sie vor einem Fluss in Delhi, ein stilles Bild ohne Horizont, der Himmel und die Vögel sind nur als Reflektion im langsam vorbei fliessenden Wasser zu sehen, das Reste von Kremierungen, Asche und Blumen mit sich führt. «Während ich vor dem Fluss sass, wusste ich plötzlich nicht mehr, wer sich bewegte: der Fluss oder mein Körper?» erzählt die Künstlerin. Kim Sooja stellt sich dem Sog der allgemeinen Geschwindigkeit und Atemlosigkeit mit bebündelter Kraft entgegen. Ihr Körper wirkt wie eine Kompassnadel für Regionen ausserhalb von Raum und Zeit.


Bis 
17.03.2001
Autor/innen
Beate Engel
Künstler/innen
Kim Sooja

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