Albrecht Schnider bei Bob van Orsouw

Albrecht Schnider · Installationsansicht, 2003

Albrecht Schnider · Installationsansicht, 2003

Besprechung

Breite Streifen und arabeskenhafte Linien breiten sich über die Leinwand aus und scheinen sich ins Unendliche zu erstrecken. Über einen monochromen Hintergrund schichten sich zwei oder mehr Zeichenebenen. Die in Acryllack gemalten neuesten Bilder von Albrecht Schnider mit ihren hochglänzenden Oberflächen vermitteln den Eindruck industrieller Herstellung. Doch die das raffinierte Geflecht überziehenden, unregelmässigen weissen Linien machen diesen Eindruck wieder zunichte.

Albrecht Schnider bei Bob van Orsouw

Die weissen Linien, die über eine vierte oder fünfte Ebene gemalt sind, fransen aus und von ihnen losgelöste Drippings schwadern über dem Bildraum. Manche Bilder sind von breiten, sich überschneidenen Streifen überzogen. Gemäss den Worten des 45-jährigen Albrecht Schnider liegt im Gestus der Zerstörung der Keim zur Vollendung. Die Farbe Weiss erhält dabei eine neue Bedeutung in seinem Werk: Sie bildet nicht mehr den Bildgrund wie in seinen früheren Bildern, die von röhrenförmigen und floralen Motiven beherrscht waren, sondern reisst einen geschlossenen Bildraum auseinander. Durch diese kreuzähnlich angelegten weissen Streifen wird der Bildraum zersplittert, der zuvor überaus ausgewogen komponiert war. Die weissen Balken entpuppen sich als Leerstellen, wo sich die nun blockierten und ungerichteten Kräfte neu einpendeln müssen. Die scheinbar spontan gesetzten weissen Linien – sie erinnern an die Gestik eines Jackson Pollock – sind kalkuliert, denn jedes Bild geht auf zahlreiche Vorzeichnungen und Pinselskizzen zurück, deren ausgefeilteste Variation der Künstler dann auf die Leinwand überträgt.

Da und dort klingen in diesen zeichenhaften Konfigurationen die röhren- und stengelförmigen Ornamente und Arabesken der späten neunziger Jahre an. Diese umherschlingernden Stränge in rot-blau-violetter Farbe erlaubten noch Assoziationen mit Organischem und erinnerten an die fliessenden, ornamentalen Rundungen im Werk von Bernard Frize.

In den neuesten Werken scheint sich das Gefüge aus roten, grauen, blauen und pistache-grünen Linien, die sich nähern, sich kreuzen und wieder auseinanderdriften, von allen realen Referenzen verabschiedet zu haben. Bei näherer Betrachtung können sie als Sprachzeichen gelesen werden, die einem eigenen, hermetischen Sprachcode folgen. Die Verständigung wird allerdings dadurch erschwert, dass die Zeichen auf verschiedenen Bildebenen angeordnet sind. Der Bildraum, der sich vor schwarzem, grauem, beigem und grünem Hintergrund konstituiert, ist abgrundtief und lässt keine perspektivischen Richtungen erkennen. Wir nehmen ihn als einen Ort des Schwebens wahr, der letztlich ein treffliches Äquivalent für unsere Bedingtheit in einer mediatisierten und sich rasend schnell wandelnden Welt darstellt.

Bis 
12.03.2003
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Albrecht Schnider

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