Daniel Pflumm im Palais de Tokyo

Daniel Pflumm · Ohne Titel, 1999, Leuchtkasten

Daniel Pflumm · Ohne Titel, 1999, Leuchtkasten

Besprechung

Man findet ihn in Einzelausstellungen von London über Turin bis Oslo oder New York. Mit seinem Label «Elektro Musik Department» beschallt er die Lounges in Berlin. Er ist einer der neuen Künstler-Aktivisten, kritisiert die globalisierte Warenwelt. Und vermarktet sich dabei erfolgreich selber. Jetzt wird eine grosse Auswahl neuerer Werke von Daniel Pflumm erstmals in einer Einzelausstellung in Paris gezeigt.

Daniel Pflumm im Palais de Tokyo

Laut «Blitz Review» der «grösste Berliner Jongleur zwischen Club und Cube» ist Daniel Pflumm einer der «flexiblen Menschen», wie ihn Richard Sennett als Spezies des 21. Jahrhunderts analysiert hat. Personen, die sich aus Seins-Optionen zusammensetzen. «Ein grosser Teil meiner Arbeit», sagt Pflumm (*1968 in Genf) «besteht aus der Reflexion verschiedener Realitäten. Eine davon ist meine unmittelbare Umgebung.»

In so vielen Realitäten kann man sich leicht verlieren. Heil verspricht das Netz der mediatisierten Symbole. All die Warenzeichen geben dem globalen Kapitalfluss Realität. Auf seiner konsumkritischen Internet-Seite «www.brutalo.com» greift Pflumm das mit dem Slogan «Where business meets reality» auf. Doch ein Leben wie im Ikea-Katalog, das erzählte schon David Finchers Film «Fight Club» mit ironischer Spitze, birgt Gewalt. Unter der abwaschbaren Laminat-Oberfläche wirbelt das nur notdürftig zusammengeklebte Chaos der Ich-Optionen wie die Splitter einer zerborstenen MDF-Platte.

Identitätsstiftende Eigentümlichkeiten globaler Waren-Kommunikation beschäftigen derzeit viele bildende Künstler aus Pflumms Generation. Daniele Buetti verletzt aalglatte Model-Fotos mit dem Kugelschreiber. Pucci de Rossi schnitzt das Gucci-Logo als Elch-Geweih. Auf der Pariser «Jeune création» raubte uns im Februar die Berliner Künstlergruppe Kolonie Wedding die Werbe-Illusionen und der Deutsche Ralf Peters dekonstruiert auf seinen Cibachromes die Tankstellen-Ästhetik, indem er die Logos löscht.

Ganz ähnlich Daniel Pflumm: Er entfernt aus dem vertrauten Danone-Rhombus, Kühne-Schwung oder Dr. Ötker-Vieleck die Schrift und gewinnt so minimalistische Formen, geometrische Ästhetik. Seine selbstentworfenen Signs und Icons zeigen uns jedoch keine Realität jenseits von Logo-Land. Seine wiederholende Geste teilt das Schicksal der Institutionskritik Ende der Achtziger: die grössten Kritiker der Elche wurden schliesslich selber welche. Wenn Pflumm seiner Berliner Galerie Neu ein Waren-Logo verpasst und es dann auf Werbebilder für Zahnbürsten appliziert, dann ist die Kritik, die sich ausdrücken mag, ziemlich banal. Und wenn er in einem seiner Videos CNN-Korrespondenten zu DJ-Musik in Loop ein Bilder-Ballett tanzen lässt, öffnet uns das vielleicht die Augen für eine bestimmte Fernsehästhetik. Neues zu deren Macht über unser Bild von der Welt erfahren wir nicht. Als echter «flexible artist» surft Pflumm auf verschiedenen Kanälen. «Es handelt sich um Kritik, sofern man diesen Begriff jenseits einfacher Enthüllung oder Analyse versteht,» schlägt Nicolas Bourriaud in seinem Katalogbeitrag vor, «wenn man sich in einen Bereich begibt, in dem das Reale vielmehr ausprobiert wird, als dekonstruiert.»

Frischer als Colgate und poppiger als Sprüngli findet und vermarktet Daniel Pflumm in
seinen Logo-Spielen vor allem sich selbst. Im Palais de Tokyo können wir uns «seine Lektüre der Welt» verkaufen lassen.

Die erste monografische Schau in Paris ist auch Anlass für einen ersten Einzelkatalog mit Beiträgen unter anderen von Mikka Hannula (Direktor der Academy of Fine Arts in Helsinki), Jörg Heizer (Kunstkritiker) und Nicolas Bourriaud (Co-Direktor des Palais de Tokyo), 144 Seiten, e/f/d, Euro 28.–.

Bis 
27.03.2004
Künstler/innen
Daniel Pflumm
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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