Das Leben, ein Roman

M’as-tu vue?, 2003

M’as-tu vue?, 2003

Chambre avec vue, 2002, Foto: ADAGP, 2003

Chambre avec vue, 2002, Foto: ADAGP, 2003

Fokus

Ein langer weisser Gang, an den Wänden kurze Texte, die, einer nach dem anderen, Teile einer Geschichte erzählen. Versatzstücke, im Mittelpunkt steht immer dieselbe Person: Sophie Calle. Überlebensgross sieht sie uns am Ende des Ganges an, zwinkert uns zu mit ernster Miene und Verschwörerblick. Was wird zu sehen sein, wenn wir um die Ecke gebogen sind? Wer ist Sophie Calle?

Das Leben, ein Roman

Sophie Calle im Centre Pompidou, Paris

«M'as-tu vue?» - «Hast Du mich gesehen?» lautet der Titel der ersten grossen Retrospektive der französischen Künstlerin im Pariser Centre Pompidou. Werner Spies, einst selbst Direktor, nannte es den «Vatikan» unter den Pariser Museen. Nach einer Ausstellung im Musée d'art moderne de la ville de Paris im Jahr 1991 ist Sophie Calle nun also bis zum heiligen Stuhl in Paris aufgestiegen und breitet hier ihre Konfessionen der letzten zwanzig Jahre aus. Ein steiler Weg, hat sie doch einst, so erzählt uns der Katalog, gerade 27-jährig, am Pigalle als Stripteasetänzerin gearbeitet. Damit folgte sie, wird weiter berichtet, einem natürlichen Trieb, den sie schon als Sechsjährige im Aufzug zur elterlichen Wohnung auslebte: Regelmässig kam sie oben splitternackt an.

Splitternackt und oben ankommen, das könnte als Lebensmotto gelten für die Künstlerin mit dem griechischen Wort für «Weisheit» als Vorname. Mit der «Sophie» verwandt ist die «Sophrosyne» - die Besonnenheit. Calle liebt die Enthüllung, doch wohl überlegt und kontrolliert. Während der ersten «nuit blanche», einer Nacht der Kunstereignisse in Paris im Jahr 2002, empfing sie die somnambulen Besucher im obersten Stockwerk des Eiffelturms ... in ihrem Bett. Jeder sollte ihr eine persönliche Geschichte erzählen. Ausziehen will sie sich gern, aber immer Quidproquo, auch das Publikum soll die Masken fallen lassen.

Calle ist eine Schauspielerin, die sich in ihrem Leben inszeniert. «Im Lauf der Selbsterkenntnis erschafft sie ihr eigenes Ich so, dass sie dabei unbemerkt auch Opfer dieses Ich wird», schrieb der ungarische Philosoph und Kunsttheoretiker László F. Földényi über die Selbstgestalterin und fuhr fort: «Jenes feste, geschlossene Bild der Persönlichkeit, das in der europäischen Kulturtradition noch selbstverständlich war, ist illusorisch geworden.» Mehr denn je wird Identität durch Medienpräsenz definiert. Dabei wird die Illusion zum konstruktiven Element für schillernde Persönlichkeit. Wie jene «Metro-Sexuellen», Männer oder Frauen, die jeweils das andere Spektrum der Geschlechter-Rollen-Identität mit ausleben, ist die moderne Identität vor allem in Bewegung. «Ich finde mich nicht verführerisch, wenn ich stehen bleibe», sagt Sophie Calle. «Ich bin gerettet, wenn ich mich bewege, wenn ich lache, wenn ich spreche.» Doch wer ist dieses «Ich»? - «Etwas anderes», wie sie mit ironischem Verweis auf Rimbaud vor drei Jahren eine Ausstellung nannte. Calle ist eine Künstlerin mit vielen Masken, die sie mit Lust herunterreisst. Doch wenn die Schauspielerin die Maske fallen lässt, kommt die Schminke zum Vorschein.

Sophie Calle ist 50 Jahre alt, 1,68 Meter gross, 54 Kilo schwer mit einem Bauchumfang von 95 Zentimetern. Sophie Calle ist Künstlerin, hat eine Katze namens «Maus». Sophie Calle hat eine bewegte Biografie: Tochter eines Kardiologen und Kunstsammlers aus der Camargue, von Calle selbst als «Mann mit Geschmack» beschrieben, wird sie von der frühen Scheidung der Eltern geprägt. Sie wächst bei ihrer Mutter auf, eine «sehr lustige» Öffentlichkeitsarbeiterin, «die es liebte zu trinken, zu verführen, zu tanzen». Sophie geht ihren Weg, wird vom Leiter der Paris-Biennale 1979 als Künstlerin entdeckt und gelangt zu internationalem Ruhm. Kommt nach Amerika, findet Galerien und Freunde, taucht in Paul Austers Roman «Leviathan» als eine Figur namens «Maria» auf, der sie später nachzuleben versucht. Doch Moment: Ist das nicht die Geschichte einer Pretty Woman im Künstlerkittel? Die Überkreuzung von Fiktion und Leben ist Sophie Calles Thema.

Treten wir also ein in die Romanwelt   Kapitel 1: «Douleur exquise» ? «erlesener Schmerz». Erstmals zeigt sie in Frankreich die Foto-Love-Story ihrer Reise nach Japan, die ihr eine der «schmerzvollsten Erfahrungen in meinem ganzen Leben» bereiten sollte, weil sich währenddessen ihr Geliebter von ihr trennte. Wir lesen Sophie Calles Geschichte. Doch am Schluss des Romans verlieren wir sie wieder. Sophie legt die Maske ab. Vorhang. Nächste Szene. So geht es durch die ganze Ausstellung, immer neue Kapitel werden aufgeschlagen. Fotos, die sie von Freunden gemacht hat, die sie bat, in ihrem Bett zu übernachten, oder Erwiderungen Blinder auf ihre Frage, was Schönheit für sie bedeutet ? am Schluss merken wir, dass wir sie zwar erblickt haben. Aber Sophie Calle gesehen haben wir nicht.

«Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman seyn», schrieb Novalis Anfang des 19. Jahrhunderts und formulierte damit eine Leitidee der deutschen Romantik. Zwei Jahrhunderte später schreibt eine französische Künstlerin noch immer an diesem, ihrem ganz persönlichen Roman. Ihn zu durchlaufen und dabei auch über die eigene Geschichte nachzudenken, ermöglicht jetzt die gelungene Ausstellung in Paris.

«Wie kann man die Angst, an seinem Geburtstag vergessen zu werden, nutzen? Wie kann man mit ihr umgehen? Was kann man mit einer Situation machen, unter der man schrecklich leidet, aus der man keinen Ausweg sieht? Was kann man tun, damit man sich sagen kann: Na, wenigstens habe ich daraus etwas gemacht, nicht nur gelitten? Aus dem Leid habe ich ein Werk geschaffen, das mir gefällt, das mich leben lässt, das mich interessiert. Das ist meine Art, mich zu befreien, eine Art Exorzismus, eine Art Therapie, die zugleich Herstellung eines Objekts ist, das mir gefällt. Es gibt andere Motivationen, solche, wirklich ein Kunstwerk zu schaffen.» (SC)

Künstler/innen
Sophie Calle
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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