Die verschärfte Nachbarschaft der Künste und ihre Unbekannte: Y

Florian Dombois vor dem Y-Schornstein der HKB, Foto: Yoshiko Kusano, Bern

Florian Dombois vor dem Y-Schornstein der HKB, Foto: Yoshiko Kusano, Bern

Thomas Struth · Read This like Seeing it for the First Time (Frank Bungarten und seine Klasse für Gitarre an der Musikhochschule Luzern), 2003, Videodoppelprojektion, 270’ produziert in Zusammenarbeit mit der HKB, Installation anlässlich der Bern Biennale 03, Foto: Dominique Uldry, Bern

Thomas Struth · Read This like Seeing it for the First Time (Frank Bungarten und seine Klasse für Gitarre an der Musikhochschule Luzern), 2003, Videodoppelprojektion, 270’ produziert in Zusammenarbeit mit der HKB, Installation anlässlich der Bern Biennale 03, Foto: Dominique Uldry, Bern

Fokus

Die Kunstszene Schweiz hat in den vergangenen Jahren internationale Aufmerksamkeit erreicht durch die Aktivität vieler Künstlerinnen und Künstler, Museen und Galerien, Privatsammlungen und Kunstzeitschriften. Die Ausbildung junger Künstlerinnen und Künstler ist daneben kaum ein Thema. Dabei stehen in der Kunstausbildung grössere Veränderungen an: der Zusammenschluss von Musik-, Theater- und Kunstdepartementen zu Hochschulen der Künste sowie der Übergang und Ausbau der einzelnen Studiengänge gemäss den europäischen Bologna-Vorgaben von Bachelor und Master. Beide Strukturreformen haben auch ein inhaltliches Potenzial, zum Beispiel durch die Klärung der Zeitgeistvokablen «Interdisziplinarität», «Transdisziplinarität» oder «Medienkunst».

Die verschärfte Nachbarschaft der Künste und ihre Unbekannte: Y

Die erste Hochschule der Künste in Bern

Hans Rudolf Reust: Der neue Fachbereich Y hat die Aufgabe,» interdisziplinäre» Ansätze zwischen Musik, Theater, Konservierung, Gestaltung und Kunst zu fördern. Zwischen dem Gespenst einer bunten Mischung aller Sinneserfahrungen in universell dilettierenden Produktionen und einem bloss kaschierten Spartendenken, dem Multimedia als Fortschritt im Austausch zwischen den Disziplinen genügt, kursieren heute unzählige Vorstellungen von «Interdisziplinarität». Bei derart unterschiedlichen Disziplinen mit unterschiedlichen Geschichten, wie sie in der neuen Hochschule der Künste zusammenfinden, wird eine Schärfung der jeweiligen Ansprüche dringlich. Welches Potenzial siehst Du für die Kunst?

Florian Dombois: Mich interessiert die Interdisziplinarität, die von der Disziplinarität ausgeht. Wir kennen die klassischen Bezeichnungen «Maler», «Bildhauerin», «Schauspielerin», «Musiker». Vor allem im 20. Jahrhundert wurden diese Grundvoraussetzungen erweitert. Viele Malerinnen und Maler haben versucht, die Grenzen des Bildes zu sprengen und es nicht nur als narrative Fläche zu sehen, sondern auch in Bezug auf den Raum, auf bewegte Bilder und Musik oder im Kontext von Performances. Durch die Aufhebung des Sockels und die direkte Anbindung an die Architektur, letztlich an den institutionellen Raum, wurde der Begriff der Skulptur wesentlich erweitert. Video wurde in den frühen sechziger Jahren als ein noch unbesetztes Medium mit Freuden aufgenommen, weil man ganz viele Dinge neu ausprobieren konnte. Auch diese Arbeiten gingen von Beginn weg an die Grenzen des Mediums, beispielsweise mit dem Ausloten des Rauschens, der Realzeit im Closed Circuit etc. Hier ging es nicht mehr um eine mimetische, sondern wohl vor allem um eine poetische Kunst. Auch wenn sie von Dingen erzählt, die wir erlebt haben, und sie in bildliche, klangliche oder theatralische Ereignisse umsetzt, sucht sie dabei doch offenbar vor allem das Ungesehene sichtbar, das Ungehörte hörbar zu machen.

Selbstverständlich gibt es eine Spezifik in Beziehung auf die technischen Voraussetzungen und die Geschichte eines bestimmten Mediums. Es kann also nicht um die Aufhebung, die schlichte Verwischung oder Verunklärung der Grenzen zwischen den Disziplinen gehen. Im Gegenteil, das Ausloten und das Sprengen der Grenzen, Disziplinarität und Interdisziplinarität sind im Grunde engstens miteinander verbunden. Während die Kunst im 20. Jahrhundert sehr stark mit der Ausdifferenzierung der Medienspezifik, der chirurgischen Untersuchung im sich ausdehnenden Feld der Medien beschäftigt war, sind heute vermehrt Künstlerinnen und Künstler daran interessiert, die medienspezifischen Möglichkeiten unterschiedlich einzusetzen und miteinander zu kombinieren. Auf diese Herausforderung will das Y antworten.

HR: Die Kunst hat sich von den rein material- und medienbezogenen Definitionen entfernt, Programme unterliegen dem Zweifel, so dass skeptische Haltungen und Konzepte zum Kern der künstlerischen Praxis geworden sind. Die verschiedenen Medien stehen gleichwertig nebeneinander, selbst die anfängliche Euphorie über die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien hat sich gelegt und ist einer vertiefenden, selbstreflexiven Praxis gewichen.

FD: Durch die neuen Technologien besteht sicher eine wachsende Verführung zum Einsatz verschiedener Medien und die Frage stellt sich: Wie ist das kompetent einzulösen? Welche Kompetenzen habe ich, um mit dieser Verführung umzugehen? Der Computer ist aber für mich auf keinen Fall die notwendige Bedingung von fächerübergreifendem Arbeiten. Sein Auftreten ist doch eher eine historische Koinzidenz in dem Augenblick, wo die einzelnen Künste ohnehin vermehrt über ihre Grenzen hinausgehen. Dennoch ist es natürlich spannend, dass gerade jetzt ein Gerät breite Anwendung findet, welches sowohl zur Speicherung und Wiedergabe von Klängen, Bildern und Texten als auch zur Steuerung von haptischen und olfaktorischen Inferfaces dient. In dem Moment, in welchem bildende Künstlerinnen und Musiker am Computer sitzen, liegt es nahe, Werke zu produzieren, die in diese verschiedenen sinnlichen Richtungen gehen. Und dabei besteht die Gefahr, alles mit allem vermischen zu wollen. Die romantische Vorstellung des «Gesamtkunstwerks» zum Beispiel finde ich zunehmend zweifelhaft. Der allumfassende Anspruch macht mir Unbehagen, ich sehe darin tendenziell eine totalitäre Idee.

HR: Immerhin lässt sich selbst innerhalb rein analoger Werke bei vielen Künstlerinnen und Künstler eine stets breitere Palette von Medien beobachten, wie beispielsweise die «sieben Felder» von Thomas Schütte. Die Praxis der Hochschulen muss die sich verändernden Denkweisen aufnehmen. Es ist daher erstaunlich, dass die Kunstausbildung bis heute eng in der Nachfolge des Bauhauses gedacht wird, also ausschliesslich im Kontext von Gestaltung. Die Annäherung an Musik und Theater ist eine längst fällige Ausweitung und schliesst ans Bauhaus von Oskar Schlemmer an.

FD: Sicher geht es um Erweiterung. Die Geschichte der Avantgarden hat gezeigt, dass ältere Medien nicht verschwinden, sondern um neuere erweitert werden. Interessanterweise ist ja die Malerei durch die Fotografie auch nicht überholt, sondern in ihrer Medienspezifik eher noch konturierter geworden. Sie hat also von der Konkurrenz profitiert. Und insofern sollten meines Erachtens «neue» Techniken auch nicht mehr in gesonderten Ausbildungsstätten vermittelt werden, wie zum Beispiel die Fotografie in reinen Fotoklassen. Eine wichtige Zukunftsperspektive sehe ich im offenen Kunstdiplom, in dem experimentelle Musik und Komposition, szenisches Arbeiten neben Film und Video, Malerei und Skulptur als Formen der Kunst aufeinander treffen und sich konkurrenzieren.

HR: Dabei muss der Irrtum vermieden werden, jedes Individuum hätte nun einfach viele Fertigkeiten zu erlernen. Generalistentum oder eine umfassende Bildung im humanistischen Sinn ist kein Wert an sich mehr. Wir gewinnen nichts, wenn die Malerin auch noch ein Semester Oboe übt und der Pianist Ton modelliert. Interdispziplinarität darf nicht selbst wieder als gesonderte Disziplin eingeführt werden. Die Komposition in Mixed Media wird kein vorgefasstes Ziel sein, sie drängt sich nur durch künstlerische Entscheidungen auf. Das interdisziplinäre Denken beginnt mit einem Bewusstsein von der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Medien und Arbeitsweisen. Y muss die Unbekannte bleiben, die zunächst einmal in einer Situation verschärfter Nachbarschaften besteht: räumlich, durch gute Werkstätten und Labors, und durch ein vielfältiges, unbürokratisches Angebot zu Kooperationen. Sie beruht auf der Gewissheit, dass die porös gewordenen Spartengrenzen bei einer wachsenden Zahl von jungen Künstlerinnen und Künstlern zu unerwarteten Lösungen führen können – nicht programmatisch müssen?

FD: ... schon wer in einer Situation arbeitet, in der alle Medien ohne Hierarchie nebeneinander stehen, in der sie sich gegenseitig in Frage stellen, wird anders vorgehen, selbst wenn er oder sie sich auf ein ausgewähltes Medium konzentriert.

HR: Gibt es nicht doch einen «neuen» Typus von Künstlerin oder Künstler aus einer Generation, die mit Web und Handy aufgewachsen ist? Könnte Y der Quereinstieg für nicht primär in einer Disziplin verortete Menschen sein?

FD: Der «neue» Typ des Künstlers oder der Künstlerin wäre vielleicht diejenige Person, die über mehrere technische Möglichkeiten zumindest soweit Bescheid weiss, dass sie deren Wirkungen selber oder zusammen mit Fachleuten einsetzen kann. Y soll jedenfalls dieses Bewusstein an die Studierenden vermitteln, so dass sie in Projekten mit anderen die jeweiligen Medienspezifiken erkennen und zugleich ihre Blindheit gegenüber dem eigenen Medium überwinden. Darüber hinaus entstehen mit den neuen Technologien – aber auch durch die Reflexion in den älteren Künsten – zusätzlich immer neue Genres. Und dafür gibt
es oft noch gar keine Lehrpersonen. Dem begegnen wir durch eine hohe Wahlfreiheit in der Zusammenstellung des eigenen Ausbildungsganges, in der die Elemente für eine andere Praxis geholt werden können. Wer mit verschiedenen Medien gleichzeitig arbeitet – Video-DJs beispielsweise – muss dann eine weitere Instanz ausbilden, eine Metaebene, um den gleichzeitigen Einsatz der verschiedenen Medien zu beherrschen.

HR: Dein Konzept «Kunst als Forschung» bezieht auch wissenschaftliche Vorgehensweisen ein ?

FD: ? ja, denn auch die Naturwissenschaften sind natürlich nicht medienfrei, obwohl sie das gerne wären. Sie haben sich bisher auf eine über Jahrhunderte entwickelte, kodifizierte Darstellungsform ihrer Erkenntnisse verlassen. Wissenschaftlich als wahr galt immer nur das, was sich auch im Format der Fachzeitschriften formulieren liess. Heute nun beginnt man immer raffinierter zu visualisieren und zu sonifizieren, um die Komplexität der Daten zu reduzieren und sie verständlich zu machen. Datenpunkte werden mit Farben versehen, so dass Bilder entstehen, Daten Klänge zugeordnet, so dass sie hör- und interpretierbar werden. Hier kommt jetzt die Kunst ins Spiel. Sie hat im Umgang mit Bildern und Klängen eine grössere Kompetenz als die Naturwissenschaft, vor allem auch in der Selbstreflexion, so dass sie ihr helfen kann, sinnvolle Bilder zu finden, aber auch ein kritisches Wissen über die Funktion von Bildern beizusteuern, zu klären, inwiefern den Bildern nicht zu trauen ist.

HR: Nach einer langen Phase der Selbstreflexion ist die Kunst auch wieder bereit, Inhalte aufzunehmen und nach ihren spezifischen Möglichkeiten in einer gesellschaftlichen Verantwortung zu deuten. Es ist durchaus denkbar – und es gibt bereits erste Anzeichen dafür – dass der Entgrenzung in verschiedenste Sparten der Kunst und der Wissenschaft wieder eine Fokussierung auf Fragestellungen aus dem engeren Traditionsbereich folgt. Diese mögliche Refokussierungsteht jedoch nicht im Gegensatz zum transdiziplinären Denken, wie es aus verschärften Nachbarschaften entstehen kann. Am Anfang und am Ende jeder künstlerischen Praxis steht die Entscheidung der Künstlerin, des Künstlers.

FD: Deshalb ist Y nicht nur eine Vermittlungsagentur innerhalb der HKB, sondern auch eine künstlerische Forschungs- und Produktionsstätte.

Fachbereich Y – Kunst als Forschung
In der ersten Hochschule der Künste der Schweiz in Bern (HKB) sind die Studiengänge der bildenden und der musischen Künste unter einem Dach vereint. Damit begegnen sich ganz unterschiedliche Zugänge zur Welt. In diesem Feld der Gegensätze erkundet der Fachbereich «Y – Kunst als Forschung» die Potentiale und Bezüge der verschiedenen Disziplinen unterschiedlicher sinnlicher Dimension.

Y forciert insbesondere den Forschungsaspekt in der Kunst, setzt auf die Sehnsucht, Dinge zu verstehen. Unter dem Postulat, dass sich im Kunstwerk auch Erkenntnis formuliert, werden die jeweiligen Kunstgattungen in ihren Sehweisen auf die Welt verglichen und zur wissenschaftlichen Forschung in Beziehung gesetzt. Ausgehend vom Artefakt, das aus der künstlerischen Arbeit heraus entsteht, wird eine Varietät der Formen angestrebt, wie sie die Vielfalt der Studiengänge an der HKB vorgibt. Als gemeinsamer Startpunkt für die spektrale Auffächerung wird sich auf jährlich wechselnde Themen konzentriert, die in gemeinsamen Projekten, Konzerten, Ausstellungen? ausgelotet werden.

Gegründet wurde der Fachbereich Y von Prof. Dr. Florian Dombois. Geboren 1966 in Berlin studierte er Geophysik und Philosophie in Berlin, Kiel und Hawaii. Seine Promotion schrieb er am Kulturwissenschaftlichen Institut bei Hartmut Böhme zur Frage «Was ist ein Erdbeben?». Seit 1994 initiierte er zahlreiche Projekte zu Kunst und Wissenschaft, beispielsweise für die Akademie der Künste Berlin. Lehraufträge an Universitäten und Kunsthochschulen folgten unter anderen in Berlin, Köln, Delft, Los Angeles. Seit 1999 arbeitet er am Fraunhofer Institut für Medienkommunikation zu Audifikation von Erdbebendaten und leitet das Projekt «Bühne für Musikvisualisierung» für das Beethoven-Haus Bonn (Eröffnung 10.9.04).

Autor/innen
Florian Dombois

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