Paul Noble im Migros Museum

Paul Noble · Ye olde Ruin, Pencil on paper, 2003?04, 426 x 732 cm, Courtesy Maureen Paley Interim Art

Paul Noble · Ye olde Ruin, Pencil on paper, 2003?04, 426 x 732 cm, Courtesy Maureen Paley Interim Art

Besprechung

In monumentalen detaillierten Bleistiftzeichnungen hat der britische Künstler Paul Noble fantasievolle und skurrile Stadtvisionen errichtet, die er zuletzt mit grosser internationaler Resonanz in der Ausstellung «Drawing Now: Eight Propositions» des New Yorker MoMA präsentiert hat.

Paul Noble im Migros Museum

Angesichts unseres zersiedelten, teilweise verödeten Lebensraums stellen sich Fragen nach nachhaltigem und verdichtetem Städtebau immer dringlicher. Das schwer befrachtete Thema stand am Anfang von Paul Nobles imaginärer Stadt namens «Nobson Newtown», an der er seit Mitte der neunziger Jahre zeichnend herumfabuliert. Hat er doch seit den späten achtziger Jahren als Mitglied einer Bürgerrechtsbewegung gegen die Strassenbauplanung opponiert und den Irrsinn abstrakter Modelle urbaner Stadtentwicklung am eigenen Leib erfahren müssen. Nicht umsonst wohl erinnern seine architektonischen Zeichnungen an die Gartenstadtidee, die seit Ende des 19. Jahrhunderts von Ebenezer Howard entwickelt wurde. Auch die damalige Jahrhundertwende war durch gesellschaftliche Veränderungen und Orientierungskrisen geprägt, welche durch den strukturellen Wandel in der Wirtschaft hervorgerufen wurden.

Allerdings ist Nobles Stadt «Nobson Newtown» nicht futuristisch, sondern trägt tiefe Spuren von Zerfall. Gleichzeitig bildet diese Stadt eine Metapher für Nobles demiurgische Tätigkeit als Architekt und Städteplaner, Archäologe, Schöpfer und Zerstörer: Sie steht mit einem Wort für den schöpferischen Prozess an sich. Mit einer ungeheuren zeichnerischen Virtuosität zielt Paul Noble direkt auf die unzähligen verödeten Städte und austauschbaren Regionen nach den Feldzügen einer Architektur, die den Grundsatz der Sachlichkeit und des Funktionalismus als Einheitssprache auf die verschiedenartigsten Bauaufgaben angewandt hat. Die Bausteine von Nobles Stadt sind aus der computergenerierten Schrifttype Nobfont gebildet, die dreidimensional ist und auf den Formen von Beton-brut-Bauten beruht. Wenn auch die Wörter schwer lesbar und ohne ersichtliche Bedeutung sind, wird die Struktur eines jeden Gebäudes aus seinem Namen entwickelt. So kann die Sprache in Nobson Newtown buchstäblich als Baustein der Zivilisation gedeutet werden.

Jede einzelne Zeichnung aus der Nobson-Serie stellt ein spezielles Gebäude dar. Die 4 x 3 m grosse Zeichnung «Nobson Central» zum Beispiel beschreibt das Zentrum. Es ist eine menschenleere, rechtwinklige Konstruktion, welche von einem Kaufhaus dominiert wird, einem eigentlichen Palast des Konsums, der einer Moschee ähnelt. Die Zeichnungen «Mall», 2001/02, und «Ye Olde Ruin», 2003/04, die übrigens an den Turmbau zu Babel von Pieter Breughel erinnert, sehen wir aus einer Vogelperspektive und gleichzeitig wird der Blick von kleinmassstäblichen «Graffiti» auf den Fassaden auf nächste Nähe gelenkt. Unglaublich, was da für Männerträume blühen, gewürzt mit vielen humoristischen Details, die im sprichwörtlichen britischen Humor gründen.

Leider scheint es fast, als wäre dem Künstler im zweiten Saal der Atem ausgegangen. Quasi wie per Zoom in das Innere seiner Bauten versetzt, wollte er hier wohl prototypisch ein Wohninterieur vorstellen. Dafür hat er Tapeten entworfen und die Wände mit Bildern aus der Sammlung des Migros Museums behängt. Die Bilder nehmen motivisch wohl Bezug auf sein eigenes ?uvre, doch die überwiegend naive Malweise verleiht dem Ganzen doch eine enttäuschende Aura. Katalog.

Bis 
19.03.2005

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