Raffael Waldner in der Coalmine Gallery

Raffael Waldner · Lamborghini Diablo, 2004

Raffael Waldner · Lamborghini Diablo, 2004

Hinweis

Raffael Waldner in der Coalmine Gallery

«Violent Order» lautet der Titel der Ausstellung des in Zürich lebenden Fotografen Raffael Waldner (*1972). Schon die Polarität der beiden Werkgruppen scheint für einen thematischen Parforceakt zu stehen. Einerseits zeigt er eine Serie von scheinbar idyllischen Naturaufnahmen und andrerseits eine Gruppe von Fotografien zerbeulter Autokarosserien. Noch deutlicher erschliesst sich der Titel, wenn man die Fotos näher analysiert. Kriminalistisches Denken ist sowohl bei den Unfallwagen als auch bei den Naturszenen gefordert.

Die Naturaufnahmen erweisen sich bei genauerer Inspektion als hochgradig arrangierte Szenerien. Darauf weist hier und da ein kleines schwarzes Täfelchen, das als unscheinbares Indiz ins Bildfeld ragt. Offenbar handelt es sich also nicht um Fotos eines Naturliebhabers, der diese beim Spaziergang aufgenommen hat, sondern um Aufnahmen aus einem botanischen Garten. Und zwar nicht aus irgendeinem Garten, sondern aus den Royal Botanical Gardens in London, welche im 19. Jahrhundert angelegt wurden und bis heute ein beredtes Zeugnis von der kolonialen Vergangenheit Englands ablegen. Die hier gehegten Pflänzchen stammen aus allen möglichen Ländern und weisen die Briten als global agierende Weltmacht aus, ein historisches Erbe, das heute mit Blick auf ihr Engagement im Irak neue Brisanz erhält.

Auch die Unfallwagen führen vorerst auf eine falsche Spur. Man denkt an die zerschmetterten Wagen, die vom Nidwaldner Polizeibeamten Arnold Odermatt mit einem beinahe manischen Pflichtgefühl fotografiert wurden. Doch bei Waldners Fotos ist die Verkettung mit einer individuellen Geschichte weitgehend ausgeblendet. Die Wagen wurden alle auf dem Schrottplatz fotografiert. Es sind keine «Indizienbilder», wie sie beispielsweise der belgische Maler Luc Tuymans mit der Zeichnung eines angebissenen Apfels aus einem Fahndungsprotokoll beschwört. Stattdessen geht es Waldner um die sinnliche Verführungskraft von gleissenden Oberflächen, Fetischobjekten und skulpturalen Formen. Der Kritiker Christoph Doswald resümiert das Gesehene folgendermassen: «Die Fotos geben Augenzeugenschaft vor, behaupten, bei der Karambolage dabei gewesen zu sein oder, im Falle der Dschungel- und Gartenbilder einen authentischen Blick in eine idyllische natürlich gewachsene Szenerie zu werfen. Und doch handelt es sich in beiden Fällen um kulturelle Doppel-Konstrukte, um Bild gewordene 'cultural studies' im besten Sinne.» Man könnte auch von Ästhetik als sublimierter Ethik sprechen, einer Faszination für eine medial geglättete Schönheit, die ganz nah und doch unendlich weit weg von der Realität liegt.

Bis 
23.03.2005

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