Sharyar Nashat, Alexia Walther und Marc Bauer im Kunstmuseum

Marc Bauer · Dread, 2004, Farbstift und Bleistift auf Papier, 19 x 19 cm

Marc Bauer · Dread, 2004, Farbstift und Bleistift auf Papier, 19 x 19 cm

Besprechung

Die Ausstellung von Marc Bauer, Sharyar Nashat und Alexia Walther im Kunstmuseum Solothurn ist überschrieben mit «Overthrowing the King in His Own Mind». Dem russischen Schriftsteller André Biely (1880-1934) folgend, soll darin der «König» (in der Kunst das Publikum) mit den Mitteln seiner eigenen Vorstellung überwältigt werden. Und solcherart Verführung proben die drei Genfer in einer geradezu romanhaften Zusammenschau.

Sharyar Nashat, Alexia Walther und Marc Bauer im Kunstmuseum

Der Einsatz suggestiver Bildkonzeptionen ist das Markenzeichen einer ganzen Reihe von Kunstschaffenden, die in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die Ecole Supérieure d'Art Visuel in Genf abschlossen. Neben den drei, die sich auf Vorschlag von Sharyar Nashat (*1975) jetzt für eine gemeinsame Ausstellung verbündeten, wären insbesondere die einige Jahre älteren Emanuelle Antille und das Duo Moser&Schwinger zu nennen.

Was die Ausstellung in Solothurn in hohem Masse auszeichnet, ist die Potenzierung dieses emotional-verführerischen Ansatzes. Die zwischen Fotografie, Zeichnung und Video oszillierenden Werke verweben sich zu einem «Setting» mit drei parallelen Schauplätzen. Und dies nicht nur bildlich, sondern gekoppelt mit der räumlichen Inszenierung, die durch klare Lenkungsvorgaben geprägt ist. So ist der Eingang zum Ausstellungstrakt durch einen hölzernen Vorbau versperrt. Später, von innen, wird dieser sich als Schalltrichter erweisen, in welchem die Tonspuren der Ausstellung zusammenfinden. Zunächst aber gilt es, den tunnelartig umgebauten Hintereingang zu finden und den entsetzten Blick des Jünglings in der leitmotivisch platzierten Zeichnung von Marc Bauer (*1975) mitzunehmen. Was spielt sich da ab? Die Frage brennt sich ein und fokussiert fortan das Schauen, visuell und emotionell. Die zum Einpflanzen bereit liegenden Bäume in den Schwarzweissfotografien des Borghese-Parkes in Rom von Alexia Walther (*1974) werden zu Indizien, verbinden sich mit dem Vogelgezwitscher und den Tamburinklängen, die zu einem Miniatur-Video mit Wechselfarben und dem Plakat einer Fahnen tragenden Figur von Sharyar Nashat gehören. Wo ist hier Revolution angesagt? Das rührende Video von Walther, das zwei liegende, aber dennoch wache Schimmel (Achtung: nur dressierte Pferde liegen!) in einem einsamen Park zeigt, scheint vorerst Entwarnung zu geben. Melancholie pur. Doch der Titel «La notte» heizt auf: Richtig, Antonioni hat im selben Park die letzte Szene des gleichnamigen Films gedreht - den Moment, in welchem sich das Liebespaar trennt. Jetzt ist klar, warum die Pferde gezäumt sind.

Dann entziehen die drei ihren Arbeiten das Medienspezifische, rücken sie quasi auf eine Ebene, indem sie den folgenden Raum mit Fotokopien von Zeichnungen, Stills, Fotos etc. tapezieren. Vertrautes aus früheren Begegnungen mit den dreien taucht auf, charakterisiert den Analytiker (Nashat), die Verführerin (Walther) und den Entblössenden (Bauer).

Das Publikum wird solcherart konditioniert weitergeführt und von den Bildern von einer Gefühlsregung in die andere katapultiert. Geht es im Agenten-Video «Optimism» von Nashat um zelebrierte Spannung, führt Walthers «Totentanz»-Film emotional ad absurdum, indem ein unsichtbar gelenkter zotteliger Hund um einen mutmasslich Ermordeten tanzt.

Der Jüngling am Eingang ist im Wandbild am Schluss älter geworden; klüger auch? Kaum. Aber das Publikum um eine hervorragend komponierte Ausstellung dreier, erst 30 Jahre alter Künstler und Künstlerinnen reicher.

Bis 
15.04.2005

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