Valentin Carron in der Galerie Francesca Pia

Valentin Carron · Fer de Lance, 2005, Installationsansicht, Foto:
Dominique Uldry

Valentin Carron · Fer de Lance, 2005, Installationsansicht, Foto:
Dominique Uldry

Besprechung

In seiner Installation «fer de lance» beleuchtet Valentin Carron schwindendes Geschichtsbewusstsein, falsche Idyllen und künstliche Traditionen, die sich leicht zu trüben Weltbildern vermengen.

Valentin Carron in der Galerie Francesca Pia

Mit einem Schockeffekt empfängt die Ausstellung den Besucher und obwohl das dreiteilige Arrangement überschaubar genannt werden kann, entfalten sich Inhalte und interne Bezüge nicht sofort. Zu sehr drängen sich beim ersten Augenschein die wie Graffiti auf die Wände gesprühten signalroten SS-Runen auf. Indem er die Runen nicht paarweise, sondern einzeln in variablen Abständen anordnet, signalisiert Valentin Carron (*1977) Bedeutungsunsicherheiten: Die Arbeit könnte das Geschmier eines Naiven sein, der sich starker Symbole bemächtigen möchte, aber nicht so recht weiss, wie sie aussehen oder wofür sie eigentlich stehen.

Der Walliser Carron setzt sich in seinen Objekten und installativen Arbeiten intensiv mit Symbolen und Bildern auseinander. Er stellt die Wahrheit von Traditionen in Frage und greift jene Klischees auf, mit deren Hilfe die Schweizer Alpenregionen sich den Touristen und auch den Einheimischen als Idylle darzustellen versuchen. So auch in der Installation «fer de lance», die Carron eigens für die Galerie Francesca Pia konzipiert hat. Neben den bereits erwähnten Graffiti gehören zu der Arbeit zwei an der Wand befestigte Baumfossilien sowie ein Bodenobjekt - eine Felskuppe mit einem europäischen Stinktier. Baum, Fels und Tier sind aus synthetischen Stoffen erstellt. Bei den Baumfossilien offenbart sich die Künstlichkeit nicht auf den ersten Blick. Die Scheiben mit den zahlreichen Jahresringen scheinen wirklich über die Jahrhunderte gewachsenen Baumgiganten zu entstammen. Ihre künstliche Geschichtlichkeit erinnert an Traditionen, die oft weniger alt und im Volk verwurzelt sind, als angenommen wird. Im Alpenraum gibt es etliche Beispiele für das bewusste Neubeleben oder -erfinden von Traditionsgütern, sowohl aus ökonomischen als auch aus politischen Gründen. So wünschte Ludwig II., seine Bayern sollten in Trachten gehen, in Abgrenzung zu Preussen aber auch aus romantischem Ästhetizismus. Für das Wallis benennt Carron den traditionellen Holzlöffel als ein Gerät, das seinen Daseinszweck im Verkauf an die Touristen findet. Kitschig-künstlich wie ein Gartenzwerg hingegen hockt das bissig blickende Stinktier auf seinem Polyethylen-Felsen, aus dem Maurice Ravels «Bolero» schallt. Gemahnt der Plastiknager an jene Naturverherrlichung aber auch an die Verniedlichung kleinbürgerlichen Stils, die ja den Kulturbegriff der Nationalsozialisten entscheidend geprägt hat, so erklingt der Ravel stellvertretend für die leichte Muse gehobenen Niveaus. Allerdings ertönt das beliebte Klassik-Thema hier in einer schrillen Xylophon-Einspielung, die das Eingängige, Beschwingte des Stückes hintertreibt. Carron spielt mit der Dissonanz, um den Blick zu öffnen für das, was unter der scheinbar belanglosen Oberfläche steckt.

Bis 
04.03.2005
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Milieu Schweiz Bern
Künstler/innen
Valentin Carron
Autor/innen
Alice Henkes

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